jump to navigation

Mit Kopf, Herz und Hand… 21. September, 2015

Posted by Rika in aktuell, asyl, aus meinem kramladen, einwanderung, flüchtlinge, gesellschaft, migration, politik, soziale arbeit.
Tags: , , , , , , , , , ,
7 comments

Wer wie ich lange Jahre bei „Pestalozzi“ gearbeitet hat, kennt das Motto:

Mit Kopf, Herz und Hand„.

Es ist sozusagen  Leitmotiv und Handlungsanweisung in einem. Eine pädagogische „Dreifaltigkeit“, wenn man so will, die man nicht einfach auseinander dividieren sollte. Denn fehlt es an „Kopf“, entsteht trotz aller herzlichen und herzhaften Bemühungen leicht Chaos, fehlt es an „Herz“, gerät die Hilfe allzu schnell zu einem reinen und kalten Pragmatismus, lässt man die „Hand“ aus dem Spiel, bleibt es bei klugen oder frommen Sprüchen und  nichts wird geändert.

Mir scheint, es ist dieser Dreiklang, den wir in der aktuellen Situation eines stetigen Zustroms von Flüchtlingen dringend brauchen.

Es ist schön, wenn Menschen Herz zeigen, es ist fantastisch, dass so viele Freiwillige sich engagieren, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass neben Herz und Hand der Kopf ein wenig auf der Strecke geblieben ist, ja, dass viele Leute in diesem Land den Kopf am liebsten in die Verbannung schicken möchten, weist er doch unüberhörbar auf die vielfältigen Probleme hin, die mit noch so gutem Herzen und größtem freiwilligen Einsatz nicht zu bewältigen sind.

Es klingt unbarmherzig, wenn der Kopf sagt, dass nicht alle, die hier in Deutschland Aufnahme finden möchten, aufgenommen werden können und das Herz möchte einem bluten angesichts der vielen, vielen Menschen, die zurückgewiesen werden müssen.

Denn „alle“ ist eine vollkommen unbekannte Größe im Zusammenspiel der bereits bekannten Faktoren und Kräfte, als da zum Beispiel sind:

Aufnahmekapazitäten in Deutschland angesichts des bevorstehenden Herbstes und Winters.   Allein  die Ansage „alle aus Syrien“ erweist sich dabei als ein nicht zu koordinierendes Mammutproblem. Gestern sah ich im ZDF einen Bericht über die unermüdlich schuftenden Freiwilligen, die in der Nähe von Celle ein Zeltlager für die Flüchtlinge vorbereiteten. Mit größter Mühe gelang es ihnen Feldbetten zu organisieren. Von warmen Unterkünften in festen Gebäuden war gar nicht erst die Rede. Eine junge syrische Familie wurde von dem Fernsehteam begleitet. Sie kam in das in buchstäblich letzter Minute fertig gestellte Lager. Der Vater stellte erbittert fest, er sei nicht aus Syrien geflohen, um in einem Zelt in Deutschland zu frieren, er habe Sicherheit gesucht für sich, seine Frau und sein Kind und er sei davon ausgegangen , dass man ihnen eine Unterkunft in einem Haus biete….

Verteilung auf die einzelnen Bundesländer.  Nicht alle Bundesländer beteiligen sich nach gleichem Prozentsatz zur „eigenen Bevölkerung“ an der Unterbringung der Flüchtlinge. Doch dies, die Verteilung auf die Länder, Städte und Gemeinden ist eben nicht nur eine Frage der Organisation durch die Helfer in Land und Kommunen, sondern, wie ich zunächst zu meiner Verblüffung, dann aber mit wachsendem Unbehagen feststellen musste, auch eine Frage der Einstellung der Hilfesuchenden. Denn viele der Flüchtlinge haben sehr konkrete Vorstellungen davon, wo und wie sie in Deutschland (Europa) in Zukunft wohnen wollen, und nicht jeder und jede, die dem Horror in Syrien entkommen sind, freuen sich darüber, in der Lüneburger Heide oder in der Uckermark zu landen. Dass aber auch eine Großstadt wie  Berlin nicht für alle zum Traumziel gehört, wurde  in der letzten Woche eindrucksvoll deutlich,  als ein ICE, der dorthin unterwegs war, kurzerhand mitten auf der Strecke per Nothalt  zum Stehen gebracht wurde und gut 180 Personen ausstiegen und verschwanden. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob sie einfach keine Lust auf Berlin hatten oder sich „nur“ der Registrierung entziehen wollten.

Arbeit und Bildung spielen in der bundesdeutschen Wirklichkeit für alle hier lebenden Menschen, seien es Ureinwohner, (Welt)-Kriegsflüchtlinge, Arbeitsmigranten oder vorübergehend hier lebende Ausländer eine herausragende Rolle. Von dem Bildungsniveau des / der Einzelnen hängt seine / ihre Chance auf einen Arbeitsplatz ab, doch nicht jeder und jede, der / die über eine gute Bildung und Ausbildung verfügt, erhält auch quasi automatisch einen  Arbeitsplatz, der das Auskommen einer / eines  Einzelnen und /   oder der von ihr /  ihm  abhängigen Familie sichert. Ganz zu schweigen von denjenigen, die es aufgrund schwieriger sozialer Bedingungen oder der intellektuellen Gegebenheiten gar nicht zu einem qualifizierten Schulabschluss gebracht haben. Das ist doch schon seit langem bekannt. Ich kann viele traurige Geschichten von Schülerinnen und Schülern erzählen, die nach der Schule chancenlos waren und im gnadenlosen Abseits unserer wunderbar verführerischen Konsumgesellschaft landeten. Im Hinblick auf die Flüchtlinge hört man immer wieder, sie seien wichtig für unseren Arbeitsmarkt und wichtig für den Fortbestand des arbeitenden Teils der Bevölkerung  – der demografische Wandel mache eine „Auffrischung“ geradezu notwendig. Desgleichen wird darauf hingewiesen, dass doch viele gut ausgebildete Fachkräfte ins Land kämen. Nun habe ich mich vor Jahren im Rahmen meines Studium auch mit Statistik beschäftigen müssen und dabei Bekanntschaft mit der sogenannten Normalverteilung gemacht, auch als „Glockenkurve“ veranschaulichend beschrieben. Gehe ich demzufolge davon aus, dass das Bildungsniveau unter den Flüchtlingen in etwa gleich verteilt  ist wie im Bundesdurchschnitt der hier Lebenden, muss ich doch mit einem nicht unerheblichen Anteil derjenigen rechnen, die aufgrund ihrer Bildung keinerlei Chance auf einen Arbeitsplatz haben.  (siehe diese kritische Stellungnahme zur  jetzigen bundesdeutschen Wirklichkeit)

Nachhaltigkeit ist ein anderes Stichwort, das genannt werden sollte, wenn man über  „alle können kommen“ redet. Unter Nachhaltigkeit verstehe ich die bisher geübte Praxis, dass auch vielen derjenigen, denen kein Asylrecht eingeräumt werden konnte, dennoch aus diversen humanitären Gründen ein unbegrenzter Aufenthaltsstatus gewährt wurde. Bei den bisherigen Anträgen  Asylsuchender ging das meiner Meinung nach auch in Ordnung – da siegte sozusagen das Herz über den Kopf, um bei meinem Eingangssatz zu bleiben. Ganz anders sieht es aber aus, wenn wir – wie prognostiziert – mit jährlichen Asylanträgen im 500 000er Bereich oder höher zu rechnen haben. Können diejenigen politischen Entscheidungsträger,  die heute fordern, dass tatsächlich alle aufgenommen werden, auch gewährleisten, dass das nicht zu erheblichen Verwerfungen innerhalb des sozialen Gefüges unserer Gesellschaft führen wird? Und damit meine ich noch nicht einmal die relativ großen  kulturellen Unterschiede, die zwischen einer von der europäischen Geschichte und Kultur geprägten Gesellschaft einerseits und der Herkunftskultur der Zuwanderer anderseits bestehen. Ich beziehe mich bei meinen Überlegungen rein auf die sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Wie ist es also mit „Kopf, Herz und Hand“ bestellt?

Bei uns an der Pestalozzi-Schule stand „Kopf“ unter anderem für Regeln und Grenzen, an die sich alle zu halten hatten. Das galt sowohl für die Verwaltung, Leitung und Vorstand der Einrichtung (wirtschaftliche Aspekte kann man auch bei den besten pädagogischen Konzepten nicht an die Seite schieben) als auch für alle Kinder und Jugendlichen in den Gruppen, für die Schülerinnen und Schüler, die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für Lehrerinnen und Lehrer.  Dass im Einzelfall das „Herz“ über den „Kopf“ gestellt wurde, auch das gehörte zur gelebten Gemeinschaft zur gemeinsamen Realität.

Übertragen auf das zu bewältigende Flüchtlings-Problem heißt das für mich, dass wir bei allem Mitleid und aller geforderten Barmherzigkeit nicht die bestehenden Gesetze und Regelungen außer Kraft setzen sollten. Wir leben in einem Rechtsstaat mit gut begründeten gesetzlichen Bestimmungen zu Fragen des Asyls. Wir gehören darüberhinaus zur europäischen Staatengemeinschaft, die gleichfalls gemeinsame Regeln  aufgestellt und beschlossen hat. Daran sind wir gebunden und daran sollten wir uns halten. Und so zurückfinden zu einem Gleichklang aus Vernunft, Menschlichkeit und daraus abgeleiteter Aktion – nicht kopflos, nicht herzlos, nicht untätig.

Mit Kopf, Herz und Hand !

Dazu gehört für mich auch die realistische und nicht moralisierende  Berichterstattung zur Flüchtlingsfrage und ein fairer Umgang mit den Staaten, deren  wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingungen  nicht auf Rosen gebettet sind wie bei uns hier in Deutschland. Wir können und dürfen nicht darüber urteilen – und  entscheiden schon gar nicht -, wie andere Staaten ihren Umgang mit dem Problem handhaben und bewältigen wollen oder können.

Deutschlands Regierung sollte sich weder zum Oberlehrer noch zum Richter über andere europäische Regierungen aufspielen, „am deutschen Wesen“ wäre die Welt beinahe zu Grunde gegangen….  und eben nicht genesen…  !

Werbung

Unangemessene Fragen….? 28. August, 2015

Posted by Rika in araber, asyl, einwanderung, flüchtlinge, gesellschaft, politik.
Tags: , , , , , ,
3 comments

Ist es Hass?

Wenn man in diesen Tagen die Zeitungen oder Magazine liest, schlägt einem immer wieder ein Wort entgegen:

HASS    –     Hass, vor allem  in Kombination mit Ausländer oder Fremden.

Fremdenhass ist der am häufigsten gemachte Vorwurf gegenüber denjenigen,  die nicht in das geforderte „Willkommen, willkommen!“ einstimmen mögen und das auch mehr oder weniger klar zum Ausdruck bringen. Und, nein, damit meine ich nicht die Brandstifter und Steinewerfer,  sondern diejenigen, die es wagen, ihre Skepsis zu artikulieren. Skepsis, darüber nämlich, ob und wie es gelingen kann, den Zustrom der „Flüchtlinge“ sinnvoll zu verteilen, den Menschen Wohnung, Nahrung und Arbeit zu bieten und sie in die Gesellschaft zu integrieren  bzw. sie wieder  „abzuschieben – wohin auch immer. Die Fragen danach sind doch ganz offenbar nicht erwünscht, „man“  scheint zu  befürchten, dass sie den „Ausländerhass“ befördern. Aber sind sie nicht dringend geboten? Ich möchte doch wissen, was wie wo warum erörtert und angeordnet wird. Aber wenn schon mein Nachfragen als „feindlich“ eingestuft, meine Skepsis als „Hass“ gewertet wird, verschieben sich damit nicht alle Werte?

Wenn Sigmar Gabriel von „Pack“ spricht, das seiner Meinung nach nicht zu Deutschland gehöre, hat er ganz sicher (zunächst) alle diejenigen auf seiner Seite, die mit Entsetzen und Abscheu auf die dramatischen Gewaltexzesse reagieren, die sich vor Notunterkünften für Flüchtlinge abspielen. Es geht in der Tat nicht an, dass Flüchtlinge, die hier – aus welchen Gründen auch immer – Zuflucht suchen, mit roher Gewalt konfrontiert werden durch die, die damit nicht einverstanden sind. Aber gehören diese ideologisch verblendeten Gewalttäter nicht auch zu „uns“?  Was haben wir, was hat „die Gesellschaft“ denn getan, um einer demokratie- und gesellschaftsfeindlichen Gesinnung entgegen zu treten – vor Jahren schon, als erkennbar wurde, dass die Leute ein wenig anders ticken, als wir es so gerne hätten?

Haben wir – „die Gesellschaft“ –  nicht auf ganzer Linie versagt, wenn Leute  „Ausländer raus“ vor Flüchtlingsunterkünften brüllen oder „Jude, Jude, feiges Schwein“ in den Straßen Berlins skandieren?

Wie und wann  reagieren wir auf Gewaltausbrüche?

Was tun wir gegen Menschen die meinen, Autos abzufackeln sei eine irgendwie legitime Form des politischen Protests? Und was unternehmen wir gegen diejenigen, die Polizisten als „Bullen“ titulieren und mit aggressiver Lust gegen die bürgerliche Ordnung und deren Hüter vorgehen? Wie reagieren wir auf (zumeist) junge Männer , die ein Fußballspiel zum Anlass nehmen für Gewaltorgien gegen „die anderen“ Fans, die auf den Straßen Unheil anrichten und ganze Zugabteile zerlegen?

Gewalt als Ausdruck des eigenen Unwillens gegenüber einem gesellschaftlich verabredeten  Konsenz oder der rechtlich verbrieften Ordnung wird doch nicht in jedem Fall deutlich von „der Politik“ verurteilt. Es finden sich immer und in jeder Partei Leute, die mit „Verständnis“  auf Verhaltensweisen reagieren, die eigentlich nicht akzeptabel sind. Das gilt sowohl für die „Ausländer-raus-Brüller“, wie für diejenigen, die gegen Israel  lauthals Todesdrohungen ausstoßen oder  die vergleichsweise  „harmlosen“ Fußballfans, die Züge zertrümmern.

Wenn sehr verschämt in den Medien darüber berichtet wird, dass es in deutschen Grossstädten „no-go-areas“ gibt, in die selbst Polizisten nur in Mannschaftsstärke gehen möchten, wenn man liest, dass arabische Clans mafiaähnliche Strukturen geschaffen haben und über ganze Stadtteile herrschen, wenn am deutschen Recht vorbei muslimische „Friedensrichter“ Recht sprechen und dabei nach Sharia-Recht urteilen, ist es dann „Hass“, wenn man mit Skepsis auf ein „noch mehr“ an arabisch-muslimischen Zuwanderern reagiert? Würde Herr Gabriel die für die no-go-areas Verantwortlichen  auch als  „Pack“ bezeichnen und würden „man“ ihm darin auch zustimmen?

Wenn Frau Merkel sehr deutlich sagt, dass es kein Recht auf die Verletzung der Würde anderer gebe, gilt das dann wirklich für alle Menschen, die in Deutschland leben?

Und darf man diese Fragen stellen OHNE als rassistisch und fremdenhassend gebrandtmarkt zu werden?

Den Flüchtlingen muss jetzt schnell und unbürokratisch geholfen werden. Aber ebenso schnell müssen Konzepte und Regeln erstellt werden, die die Einwanderung nach Deutschland regeln, denn das ist es doch, was wir derzeit – und vermutlich auch in Zukunft – erleben und bewältigen müssen. Und zwar vollkommen unabhängig vom geltenden Asylrecht.

Unsere Gesellschaft wird sich verändern, aber wir sollten regeln wie!

%d Bloggern gefällt das: