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Wer bezahlt den Preis? 21. Januar, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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Wer bezahlt den Preis wirklich?

Und wie stellen sich die verantwortlichen Politiker des Westens Preis und Zahlung tatsächlich vor, wenn es nicht nur bei verbalen Drohungen bleiben soll?

Es ist doch kaum denkbar, dass irgendjemand in Europa eine tätliche Auseinandersetzung auf europäischem Boden exerzieren will, aber auch der Preis möglicher wirtschaftlicher Beschränkungen wird ja mit Sicherheit nicht nur ein einziges Land (das als Feind ausgemacht ist) betreffen.

Wenn man gen Osten schaut – und von dort droht ja bekanntlich die Gefahr -, müsste doch eines ganz klar sein, das, was wir im Westen unter Demokratie, Menschenrechten, Freiheit verstehen und wofür auch unsere Politiker einstehen – zumindest den Worten und Reden nach – wird im russischen Einflussbereich gänzlich anders interpretiert und verstanden.

Wann hat es in Russland je ein System gegeben, das sich an den Bedürfnissen und dem Wohl des Volkes orientiert? Es ging immer und ausschließlich um die Aufrechterhaltung (bzw. Erlangung) von Macht. Das war unter den Zaren nicht anders als unter den Revolutionären von 1917 und den darauf folgenden Jahren. Nicht ohne Grund wurden die kommunistischen Machthaber der Sowjetunion „rote Zaren“ genannt, die zwar die Bevölkerung für sich einzunehmen verstanden, in erster Linie aber immer die eigene Macht im Blick hatten. Das starke zaristische Russland, die militärisch noch stärkere Sowjetunion, waren doch immer vor allem das Spielfeld der regierenden Mächtigen, die ohne Rücksicht auf die Belange des Volkes agierten. Wobei es die kommunistischen Machthaber wunderbar verstanden, den einfachen Leuten zu suggerieren, dass sie, „die kleinen Leute“ es seien, denen nach dem Sturz des Zaren und des Adels die Macht in die Hände gegeben sei. Letztendlich hungerte das Volk unter den Bolschewiken nicht weniger schlimm als unter den Zaren, war die Willkür, der es seit jeher ausgesetzt war, weder abgeschafft noch leichter zu berechnen oder zu ertragen, das gilt doch bis heute so. Wann ging es der Mehrheit der Menschen Russlands „unserem Verständnis“ nach jemals wirklich gut?

Wenn „der Westen“ dem russischen Präsidenten droht, er – Russland – würde einen hohen Preis bezahlen, betreibe er weiterhin eine Strategie, die den Interessen des Westens entgegenlaufe, so droht „der Westen“ doch nicht dem aktuellen Machthaber, er bedroht das Volk, das aber gar keine Wahl und Möglichkeit hat, sich dem Wahnsinn entgegenzustellen oder zu entziehen. (Ich bin übrigens auch gar nicht so sehr davon überzeugt, dass es tatsächlich dem Westen um die Solidarität mit der Ukraine geht…. kochen die Mächtigen nicht immer ihr eigenes Süppchen…?)

Es werden die einfachen Leute sein, die von „uns“ den Privilegierten des Westens quasi als Geiseln genommen werden, mit der perfiden Logik, es diene doch nur zum Besten.

Wann haben Sanktionen in den letzten 20 oder 30 Jahren jemals zu einem Einlenken der Machthaber geführt, die „der Westen“ unter der Führung der USA zum Wohle des jeweiligen Landes verhängte?

Sollten nicht Libyen, Syrien, der Irak, Afghanistan, Iran und etliche afrikanische Staaten Mahnung genug sein, mit wirtschaftlichen oder militärischen Drohgebärden überaus vorsichtig umzugehen? Was haben Obamas „rote Linien“ gebracht, in welchem dieser Länder haben sich Freiheit und Menschenrechte durchgesetzt, welches dieser Länder prosperiert und bringt Wohlstand für seine Bürger, Ruhe und das, was wir unter Demokratie verstehen?

Wir scheinen die immer gleichen Fehler zu machen, indem wir versuchen, Despoten unter Kuratel zu nehmen. Das ist aber immer gründlich schiefgegangen, hat den betroffenen Menschen das Leben nur noch schwerer gemacht.

Sollten wir, wie neulich erst eine Frage an mich gerichtet wurde, den einen Bösewicht unterstützen, um dem anderen ins ebenso böse Handwerk zu pfuschen – denn Pfusch würde es doch wieder werden?

Und zahlen am Ende nicht wieder die kleinen Leute den Preis – in Russland, in der Ukraine, in Weißrussland und wo immer sich der Konflikt ausbreiten wird?

Und werden nicht auch wir betroffen sein in unserer Abhängigkeit von politischer Ruhe, die „wir“ für unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand brauchen?

Wenn Frau Baerbock ( Deutschlands Aussenministerin Baerbock droht Russland mit weiteren Sanktionen, selbst wenn das wirtschaftliche Folgen hätte. Das sagte sie nach einem Treffen mit US-Aussenminister Blinken in Berlin. NZZ 21.1.2021) als unsere politische Vertreterin auf dem internationalen Parkett also von einem Preis redet, den Russland zu bezahlen habe, hat sie dann gründlich genug über die Konsequenzen nachgedacht, das Preisgeld nämlich, das auch wir möglicherweise in zu hohem Maße entrichten müssen?

Ich habe – das gebe ich zu – kein Patentrezept, wie dem Konflikt beizukommen sei, aber ich halte viel von Vertrauen bildenden Maßnahmen. Dazu gehört für mich auch, das Wort nicht zu brechen, das Bush Senior damals als mächtigster „westlicher Gesprächsführer“ um die Wiedervereinigung Deutschlands dem damaligen Machthaber der Sowjetunion, Michail Gorbatschow gegeben hat, nämlich das, das Bündnis der NATO nicht nach Osten auszudehnen.

Man sollte den „russischen Bären“ nicht noch mehr reizen und an der Nase herumführen wollen….

Auch das gehört für mich zum „Westen“ und seinem Verständnis von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten. „Wir“ können kein Volk der Erde zu „seinem“ Glück nach unserem Verständnis zwingen.

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NACHKLAPP

Manchmal kann es hilfreich sein, die historischen Bezüge in den Blick zu nehmen, auch darauf wies mich der Fragesteller (s.o.) hin. Wir haben es hier im Westen offenbar vergessen, dass die Ukraine vom geschichtlichen Ursprung her das Herzstück und Kernland dessen ist, was in der Folgezeit zu „Russland“ wurde.

Wiki ist zwar nicht unbedingt „die“ Quelle für historische Angelegenheiten, vermittelt aber einen guten Überblick, hier:

Kiewer Russ

Geschichte Russlands

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Es mag hier der Eindruck entstehen können, ich redete „pro Putin“, das ist aber ganz ausdrücklich nicht meine Intention.

Mir geht es darum, für Besonnenheit einzustehen, keine voreiligen Schritte in die eine oder andere Richtung zu unternehmen, nicht eindimensional zu denken und den Konflikt auch in seinem historisch gegründeten Kontext zu betrachten.

Letztendlich – und das erfüllt mich mit Sorge – kann aus einem winzigen Feuerchen ein gewaltiger, alles verschlingender Brand entstehen.

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