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Was darf es denn kosten? 28. Mai, 2015

Posted by Rika in berufstätigkeit, bezahlung, eltern, erzieher, erzieherinnen, familie, familienpolitik, frauen, gewerkschaft, horterziehung, jugendamt, Kinder - Famile, kita, mütter, soziale arbeit, streik, tarife, väter.
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Was ist sie uns  wert, die Betreuung unserer Kinder?

Wie viel wollen wir investieren in das Krisenmanagement für den sozialen Zusammenhalt von Familien und Gesellschaft?

Männer und Frauen, die Eltern werden,  sollen nach Wunsch „der Wirtschaft“ (wer und was ist das eigentlich?) möglichst schnell nach der Geburt eines Kindes wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen zur Wertschöpfung für Betrieb und Gesellschaft.

Und die Kinder?

Die sollen nach dem Willen der meisten Politiker außer Haus – sprich, außerhalb ihrer Familie – von dazu eigens ausgebildeten Menschen nicht nur betreut (im Frühstadium der kindlichen Entwicklung gewickelt, gefüttert, bespaßt), sondern mit zunehmendem Alter auch  pädagogisch wertvoll (und selbstredend  der Gesellschaft dienlich)  allumfassend erzogen werden. Konkret heißt das, ein gerade dem Säuglingsalter entwachsenes Kleinstkind kommt mit 1 Jahr in die Krippe, durchläuft anschließend den auf die Schule vorbereitenden Kindergarten und wird als Schulkind „im Ganztag“ betreut, also bereits vor dem eigentlichen Unterrichtsbeginn bis in den späten Nachmittag hinein, solange eben, bis die Eltern von ihrer wertschöpfenden Arbeit nach Hause kommen.

Wenn man sich den Zeitplan eines Kindes im Kindergarten- und Grundschulalter vorstellt, das morgens zwischen 6.30 und 7.00 Uhr erwacht und abends gegen 20.00h zu Bett geht, in den ca. 12 – 13 Stunden  dazwischen aber an 5 Tagen der Woche mindestens ein Drittel der Zeit im Kindergarten und als Schulkind mehr als die Hälfte der Zeit in Schule und Hort zubringt, so wird man doch rasch feststellen, dass wesentliche „Betreuungs- und Erziehungsarbeit“ aus der Familie in die Institution Kindergarten-Schule-Hort verlagert wird und „fremde“ Personen anstelle der Eltern prägenden Einfluss auf die Kinder nehmen, sie fördern und fordern, trösten, ermahnen, mit ihnen spielen, lachen singen, ihre kognitiven, musischen und sportlichen  Fähigkeiten individuell fördern (das ist zumindest der Plan!) und ihnen als Ansprechpartner in schwierigen Situationen Beistand bieten.

Das, was in Wahlkampfreden gerne mit „Kinder sind unsere Zukunft“ plakativ verkündet und gepriesen wird, dieses hohe Gut einer Gesellschaft, wird aber in geradezu sträflicher Weise mit einem Minimum an finanzieller Ausstattung versorgt. Damit meine ich, dass sowohl die Zahl der Betreuungs- und Erziehungspersonen in Kitas und Horteinrichtungen in keinster Weise dem geforderten und erwarteten Bildungsauftrag (s.o.) entspricht, wie auch  die Bezahlung der Erzieherinnen und Erzieher nicht im Geringsten ihrer verantwortungsvollen Arbeit gerecht wird.

Das geht nicht zusammen.

Man kann nicht qualitativ hochwertige Erziehungsarbeit erwarten, aber nur wenig dafür bezahlen wollen.

Man kann auch nicht erwarten, dass eine Erzieherin / ein Erzieher im Hort  eine Gruppe von 25 Kindern betreut und jedem dieser Kinder so gerecht wird, als würde  dieses wie zu Hause –  als eines von zwei oder maximal drei Kindern –  durch eine einzelne Person (Mutter oder Vater) betreut. Das kann nicht funktionieren. Die Hortbetreuung unterscheidet sich elementar von der schulischen Versorgung – und selbst in der Schule ist der Schlüssel von 1 : 25  doch mehr als problematisch, bleiben Kinder auf der Strecke, weil sie nicht individuell gefördert werden können… wie auch?!

(Ich könnte von einer Horteinrichtung berichten, in der es innerhalb von drei Monaten nicht eine einzige Woche gab, in der alle (5!) tätigen Erzieher-Innen für die 5 Gruppen tatsächlich an jedem Tag auch anwesend waren. Fällt eine Person aus, werden die Kinder der betroffenen Gruppen eben auch noch auf die anderen Gruppen verteilt. Das macht Stress für Kinder und Betreuer, schränkt die ohnehin so geringe Individualzeit für jedes Kind noch weiter ein, führt zu einer dauerhaften Überlastung der unter solchen Bedingungen Arbeitenden.  Und das ist keineswegs die Ausnahme, sondern eher die Regel!)

Was ist sie uns wert, die Arbeit an und mit unseren Kindern?

Und wem schieben wir die Schuld in die Schuhe, wenn es im familiären System mal nicht rund läuft? Wer holt die Kuh vom Eis, oder besser noch, wer verhindert, dass es zu Katastrophen kommt in Familien, die nur dem Namen nach Familie sind, aber eigentlich ein Ort des Schreckens für alle an ihr Beteiligten, ob Kinder oder Eltern – Vater, Mutter einzeln oder als Paar?

Und wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist…. und dies nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich zu Schaden gekommen ist, wer rückt dann in den Fokus und muss sich Kritik, die eher heftigster medialer Beschimpfung gleich kommt, gefallen lassen, ohne dass der zuständige politische Verantwortliche sich reumütig gegen die Brust schlägt und sein eigenes Versagen eingesteht?

Machen sich die Leute, die die Forderungen der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen nach einer besseren Eingruppierung ihrer finanziellen Vergütung angesichts des gerade währenden Streiks kritisieren,  eigentlich klar, was es für  die jeweils betreffenden Sozialarbeiter im Jugendamt bedeutet, wenn  ein Kind aus einer völlig desolaten Familiensituation genommen werden muss, wie schwierig es ist abzuwägen was mehr zählt, die elterliche Freiheit oder das Wohl des Kindes, das Recht der Frau auf 5 Kinder von 5 verschiedenen Männern, die dann jeweils ein ziemlich erbärmliches Gastspiel als „Vater“ geben, oder das Recht des Kindes auf geordnete Verhältnisse, in denen die Bedürfnisse des Kindes nicht ständig dem vermeintlichen oder tatsächlichen Recht der Mutter auf selbstbestimmtes Leben untergeordnet werden? Und gibt es eine Statistik, die festhält, wie viele Beratungsgespräche geführt werden, weil Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder restlos überfordert sind, weil die Kommunikation in den Familien praktisch nur noch einer kriegerischen Auseinandersetzung gleicht, weil Eltern ihre Kinder nicht verstehen und Kinder und Jugendliche an ihren Eltern verzweifeln? Wird darüber Buch geführt, wie sehr die geleistete Beratung der Familien dazu beiträgt, dass nicht das gesamte Leben der Betroffenen aus den Fugen gerät und man einen Modus findet, zumindest vernünftig miteinander umzugehen? Und hat diese  Arbeit mit den Familien nicht auch einen hohen gesellschaftlichen Wert, weil die Zukunft der Kinder nicht länger hochgradig belastet oder gar ganz zerstört ist, weil Eltern wieder den Kopf frei bekommen und eine Perspektive für sich und ihre Kinder entdecken?

Können sich die zuständigen Politiker überhaupt vorstellen,  WIE schrecklich es in manchen Haushalten und Familien aussieht und dass Kinder zugrunde gehen, weil ihre Mütter und Väter unfähig sind, das eigenen Leben zu bewältigen, geschweige denn auch noch für Kinder zu sorgen?

Wenn ein Kind zu Tode kommt – und leider passiert das selbst dann immer wieder, wenn das Jugendamt bereits ein Auge auf die Familie geworfen hat -, ist das Geschrei groß. Aber ist irgendeiner derjenigen, die auch über die finanziellen Mittel für die personelle Versorgung der Jugendämter zu entscheiden haben auch nur ansatzweise bereit, mehr Geld zu investieren? Und „ein Auge“ ist entschieden zu wenig, aber mehr geht doch gar  nicht, weil die Zuständigkeit  des einzelnen Mitarbeiters im Jugendamt für Jugendliche und Familien so bemessen ist, dass die Zeit einfach nicht  ausreicht, um alle „Fälle“ gleichermaßen ständig „im Auge“ haben zu können.

Was darf sie also kosten, die leider so nötige „Jugend- und Sozialpflege“?

Wenn in den Medien immer mehr Kritik an den Streikenden geübt wird, so macht das doch deutlich, wie wenig Wertschätzung der sozialen und pädagogischen Arbeit  zuteilwird, wie wenig im öffentlichen Bewusstsein der Wert „unserer Kinder“ wirklich verankert ist und dass es leider auch den Eltern, die jetzt mit zunehmender Kritik reagieren, doch vor allem doch um den eigenen Arbeitsplatz geht und erst in zweiter Linie um das Wohl der Kinder. (Die Einschränkung dieser etwas provokanten Formulierung findet sich hier: „Kind und Karriere gut vereinbar“ Nicht allen Müttern ist es vergönnt, zu Hause bleiben zu können, selbst wenn sie es wollten. Etliche MÜSSEN zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und viele tragen ihn ganz allein! )

Was würde denn passieren, wenn sich tausende Eltern von ihrer Arbeitsstelle abmeldeten,  weil sie ihre Kinder betreuen müssen und eben nicht mit letzter Kraft irgendwelche Betreuungsmöglichkeiten organisieren und bereitstellen, damit sie der Arbeitswelt erhalten bleiben? Wären nicht auch die Arbeitgeber berufstätiger Mütter und Väter aufgerufen, sich aktiv für eine bessere Betreuungsversorgung einzusetzen?

Tragt die Diskussion um die gerechte Betreuung unserer Kinder in die Betriebe, Firmen, Anwaltskanzleien, Fabriken, Geschäfte, Verwaltungen, nicht nur der Städte und Gemeinden, auch die der Krankenhäuser und  Großkonzerne. Macht „der Wirtschaft“ klar, dass es ohne gute und auch gut bezahlte Betreuungsarbeit nichts ist mit Wertschöpfung und Bruttosozialprodukt, dass für das Funktionieren der Gesellschaft eben nicht nur die „produktive“ Arbeit  wichtig ist, sondern der Arbeit in dem sozialen Bereich eine mindestens ebenso große Bedeutung zukommt und darum auch entsprechend gut ausgestattet und bezahlt werden muss.

Wenn Familien eine gute finanzielle Basis haben sollen, an der beide Eltern durch Berufsarbeit mitwirken  und dennoch Kindern eine gute Betreuung zukommen soll, müssen wir es uns als Gesellschaft etwas kosten lassen….

Und sage niemand, dass das nicht machbar sei in diesem Staat.

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Vor drei Jahren habe ich bereits Ähnliches geschrieben:

Kinder? Nein, danke, woll’n wir uns nicht leisten!

Passend zu dem Thema, wenn auch mit einem anderen Schwerpunkt,  habe ich diesen Beitrag entdeckt:

Aus der Schule geflogen, im Heim gelandet“

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Kinder? Nein, danke, woll’n wir uns nicht leisten! 12. Juni, 2012

Posted by Rika in gesellschaft, Kinder - Famile, meine persönliche presseschau.
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Fachkräfte müssen her, für die Wirtschaft natürlich!

Kinder stören da eher – selbst wenn sie die Fachkräfte von morgen sein könnten. Kinder hindern ihre Mütter an selbstbestimmter und gesellschaftlich wertvoller Arbeit bei Schlecker oder Lidl, in Versicherungen, Banken  oder Krankenhäusern.

Und Kinder sind teuer!

Viele Kinder sind ihren Eltern teuer, so teuer, dass Mama und Papa alles für ihre Kinder tun (würden), und wenn es das letzte Hemd kostet.

Der Staat sieht das nicht so eng.

Da dürfen Kinder vor allem eines NICHT:   Etwas kosten!

Leicht lässt sich das ablesen an den Einrichtungen, die für die außerhäusige Betreuung und Bildung unserer Kinder zuständig sind, an Kindergärten – neumodisch Kitas genannt – an Schulen und den weiter führenden Bildungseinrichtungen, ja sogar an so profanen Dingen wie Spielplätzen oder  Kinderstühlen und Wickelräumen in Restaurants, z. B.

Besonders „kostbar“ sind Kinder aber für die Kommunen, die die Gehälter des pädagogisch tätigen Personals in den pädagogisch wertvollen Kitas bezahlen müssen. Und da kommt man doch schon mal auf die eine oder andere Idee, wie man dieses Problem kostengünstig, am besten sogar kostenneutral lösen könnte.  Soviel Qualität wie möglich für so wenig Geld wie möglich. Schließlich können wir es ja der Gesellschaft nicht zumuten, viel Geld in (unsere) Kinder zu investieren.

Und so spart man doch am besten an den Gehältern der Erzieherinnen und Erzieher. Das sind in den Augen der meisten Menschen die „Kindergärtnerinnen“, die auf die lieben Kleinen aufpassen, ihnen die Nase oder den Po putzen, schöne Liedchen mit ihnen trällern und Geschichten erzählen oder vorlesen. Hartnäckig hält sich diese Vorstellung von Kindergarten und Personal.

Dabei verkennen die meisten Menschen – oder wissen es vielleicht auch nicht -, dass die Erzieher, Erzieherinnen eine anspruchsvolle, mehrjährige Berufsfachschulausbildung durchlaufen. Hier in Niedersachsen dauert sie 4 Jahre. Die Ausbildung umfasst eine umfangreiche pädagogisch – psychologische Grundausbildung mit einem hohen Anteil an Fachpraxis, den die Berufsfachschüler in Kindertagesstätten erhalten.

Wer aber denkt, dass diese Ausbildung auch angemessen honoriert wird durch ein Gehalt, von dem Mann oder Frau eine eigene Familie gut ernähren könnte, sieht sich getäuscht. Noch immer gehen nämlich die Finanzstrategen der Kommunen von der Vorstellung aus, dass die „Kindergärtnerin“ sich lediglich ein Zubrot zum Einkommen ihres Mannes verdient. Männliche Erzieher als „Haupternährer“ der Familie sind in diesen Vorstellungen ohnehin nicht vorgesehen.

Ein Sachbearbeiter bei einer Bank oder Versicherung mit gleichen Zugangsvoraussetzungen (qualifizierter Realschulabschluss) und gleicher Ausbildungsqualität und -dauer kann vermutlich ein höheres Einkommen vorweisen, als Erzieherinnen und Erzieher in der Regel erhalten.

Nun werden einige vermutlich sagen, dass Bank- oder Versicherungsangestellte ja auch einen hohen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg unseres Gemeinwesens leisten und daher die höhere Entlohnung auch gerechtfertigt sei.

Was kann für die Gesellschaft wichtiger sein als eine wirklich gute Bildung und Betreuung ihres Nachwuchses? Und wenn schon  die wirtschaftlichen Gegebenheiten unserer Gesellschaft es notwendig machen, dass Mütter so früh wie möglich wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, dann sollte doch die Gesellschaft auch dafür sorgen, dass es den Kindern an nichts mangelt: Nicht an ansprechenden Räumen, nicht an qualifizierten Mitarbeitern in den Kitas, nicht an liebevoller Betreuung.

Das aber kostet!

Kostet richtig viel Geld!

Und darum ist es eine hanebüchene Veranstaltung, die wir in der Frage von „Herdprämie versus Kitaplatz“ derzeit erleben.

Völlig grotesk aber wird die Geschichte  durch die „netten“ Überlegungen, die zur „kostengünstigen Kita“ angestellt werden, wie spon berichtet:

1000 Euro brutto pro Monat – so niedrig ist laut Linkspartei das Gehalt mancher Erzieherinnen in Sachsen. Die Frauen liegen damit rund 50 Prozent unter Tarif. Der „Saarbrücker Zeitung“ zufolge gibt es einen drastischen Anstieg von Leiharbeit in Kindergärten.

Und wie man in der Regierung über die Wertarbeit  „Erziehung“ denkt, macht dieser Absatz aus dem spon-Bericht deutlich:

Auch der jüngste Plan von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen dürfte kaum zu einer besseren Bezahlung von Erziehern beitragen. Sie setzt auf die Umschulung von Arbeitslosen – zum Beispiel von den Tausenden Schlecker-Mitarbeiterinnen, die im Zuge der Pleite ihren Job verloren haben. Gewerkschafter kritisieren den Plan als „beschämend“ da von der Leyen suggeriere, der Erzieherberuf sei leicht zu erlernen und von jedem ausführbar.

„Erziehen kann jeder, schließlich war ja jeder mal selbst ein Kind und ist irgendwie damit klar gekommen und unsere Mütter waren ja in den meisten Fällen auch keine Fachkräfte“, könnte man als gedankliche Argumentation hinter diesen abstrusen Plänen der Ministerin vermuten.  (Übrigens ein ähnliches Denkschema, das vielen Lehrern bei Eltern begegnet, die meinen, Schule machen könne jeder und sie ganz besonders!)

Kinder,  so wird mir wieder einmal an diesem Artikel deutlich,  sind „uns“  offensichtlich nichts wert…

„Deutschland schafft sich ab“  schrieb Tilo Sarrazin und entfachte einen Sturm der Empörung…

Die Empörung angesichts einer desaströser Familienpolitik bleibt hingegen aus.

Ich halte das für den eigentlichen Skandal.

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