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Haben sie oder haben sie nicht…. 23. November, 2017

Posted by Rika in aus meinem kramladen, familie, gesellschaft.
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… einen Migrationshintergrund nämlich?

Die Rede ist von unseren Kindern.

„Wie das?“ werden sich diejenigen fragen, die mich und unsere Familie etwas kennen.

Dazu muss ich ein wenig ausholen:

Soweit ich die Generationenfolge meiner eigenen Herkunftsfamilie überblicken kann, besteht mein „Migrationshintergrund“ allenfalls darin, dass ein Teil der Vorfahren aus dem Wittgensteiner Land stammen, andere aus dem Westfälischen und wieder andere aus dem Lippischen und Bayrischem. Vor Napoleons Besatzung der Länder und auch wieder danach  waren das in Teilen  eigenständige Herrschaftsgebiete auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland.    (Die ausführliche Darstellung der geschichtlichen  Entwicklung  zur heutigen Bundesrepublik verkneife ich mir. Siehe dazu  „Deutsches Reich„)

Ganz anders sieht es bei der Familie des Liebsten aus:

Zwar ist der Meinige (in den letzten Kriegsmonaten) diesseits der Oder geboren, also bereits im heutigen Staatsgebiet der BRD, aber seine Eltern befanden sich zu dem Zeitpunkt auf der Flucht  „aus der kalten Heimat“***, wie es ein Cousin des Liebsten formulieren würde. Die Vorfahren der Eltern, mütterlicher- wie väterlicherseits,  waren (zu unterschiedlichen Zeiten) dem Aufruf der Zarin „Katharina der Großen“ gefolgt, hatten ihre Heimat in der Pfalz und im Schwäbischen verlassen und  sich „am Schwarzen Meer“, dem  Gebiet der heutigen Ukraine nahe Odessa niedergelassen. Das „Niederlassen“ muss man sich als einen langen und mühsamen Prozess unendlicher Arbeit bei der Urbarmachung des sehr dünn besiedelten,  Steppen ähnlichen  Landes vorstellen.

„Mütterchen Russland“ und die „Väterchen Zaren“ gewährten vertraglich geregelt  den Deutschen zunächst besondere Privilegien, die neuen Siedler erhielten Land zugewiesen, verbunden mit der steuerlichen Erleichterung während der ersten 10 Jahre, sie wurden nicht zum Militärdienst herangezogen und konnten eigenständige  „deutsche Gemeinschaften,  Dörfer und Städte“ bilden, mit eigenen Schulen und Kirchen. (Ich beziehe mich im Folgenden auf die Deutschen am „Schwarzen Meer“, denn dort lebten die Altvorderen des Liebsten.)

Nicht in der ersten, auch nicht der zweiten, aber ab der dritten Generation der „Kolonisten“  stellte sich ein bescheidenes,  Auskommen ein.

Mit dem Ende der Leibeigenschaft im Russischen Reich wurden auch die Privilegien der „Schwarzmeer-Deutschen“ aufgehoben.  Fast zeitgleich wurde das Kaiserreich in Deutschland gegründet und mit dem aufkeimenden neuen Nationalismus in beiden Ländern änderten sich  auch die  politischen Verhältnisse  für die Deutschen in Russland und wurden deutlich schwieriger, das zeigte sich u.a. an so einfachen Tatsachen, dass Russisch die allein zugelassene Amtssprache wurde. Die Großmutter des Liebsten hat Zeit ihres Lebens nur Deutsch gesprochen…. das Russische war ihr fremd.

Gänzlich ungemütlich aber wurde es  für die Deutschen in Russland – wie man sich leicht vorstellen kann – mit dem Beginn des 1. Weltkriegs. Die historischen Fakten sind bekannt.

In Russland folgte auf die Bitternis des Krieges der Schrecken der Revolution mit all ihren fürchterlichen Begleitumständen wie dem Bürgerkrieg mit wechselnden „Erfolgen“ und einer verheerenden Hungersnot.

Der Zar wurde zur Abdankung gezwungen, die Bolschewiki übernahmen das Regiment und wenig später kam Stalin an die Macht.

Damit begann nicht nur für die Deutschen eine furchtbare Leidenszeit. Im Zuge der Stalin’schen „Säuberungswellen“  wurden Tausend und Abertausende Menschen aus reiner Willkür verhaftet, in die grausamen Lager verbracht, ohne Prozess erschossen und, und, und.

Auch die große Familie meines Liebsten war davon betroffen …  Verbannung …. Verhaftung … Trudarmee … Enteignung … willkürliche Lagerhaft mit Todesfolge … Verhöre … Folter …. um nur einige Stichpunkte zu nennen.

 

Es würde hier zu weit führen, die Geschichte der ganzen Familie,  mütterlicher- wie väterlicherseits aufzuschreiben. Irgendwie gelang es den meisten von ihnen zu überleben ….  bis die nächste Katastrophe über sie und die Welt  hereinbrach: Deutschland überfällt die Sowjetunion, der „Große vaterländische Krieg“ beginnt. Die Deutsche Wehrmacht  erreicht und erobert auch die Ukraine. Die Wehrmacht bringt die in der Ukraine lebenden Deutschen unter ihren „Herrschaftsbereich“, so auch meine Schwiegereltern und ihre kleine Tochter  (des Liebsten ältere Schwester)  und ihre Angehörigen.

Nüchtern und sachlich beschreibt Wikipedia, wie es für sehr viele Deutsche in der Sowjetunion mit dem Fortschreiten des Krieges weiterging:

„Mit einsetzenden Gebietsverlusten der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg wurden Russlanddeutsche, insbesondere Schwarzmeerdeutsche, die in den nationalsozialistischen Herrschaftsbereich geraten sind, in den Warthegau umgesiedelt und erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft („Administrativumsiedler“). „

Auch die Eltern des Liebsten gehörten zu denen, die von der deutschen Wehrmacht mehr oder weniger zwangsverfrachtet wurden in den Warthegau.  In den entbehrungsreichen Wirren des Krieges erkrankte das kleine Mädchen und starb an den Folgen der Krankheit und dem Mangel an Medikamenten.  Es muss für die Familie entsetzlich gewesen sein.    In  dieser  Familie lebten zu der Zeit  neben den Eltern des Liebsten auch die Oma und die Schwester meiner Schwiegermutter  – unsere Tante Lina – und ihr 6-jähriger Sohn. Im weiteren Kriegsverlauf  gelang es der Familie  mit einem großen Transport zunächst  Frankfurt an der Oder zu erreichen und in der Nähe in einem Lager notdürftig unter zu kommen. Der Liebste wurde in diesem Lager geboren. Nur drei Monate später mussten sie erneut aufbrechen, die Front näherte sich unaufhörlich und  unüberhörbar. Und sie hatten  „Glück“. In der Nähe des Lagers rastete ein großer Treck und inmitten der Gespanne entdeckte der Vater Leute aus seinem ehemaligen Dorf. Die willigten ein, dass die Großmutter und  die Mutter mit dem Säugling im Kissen auf dem Wagen mitfahren durften, der Vater, Tante L.  und ihr Sohn  gingen wie so viele andere auch zu Fuß neben dem Gespann. Ende Februar 1945 verließ der Treck das Lager an der Oder. Die kleine Familie kam mit dem Treck  bis Wittstock und irgendwie in all dem Durcheinander der letzten Kriegswochen erreichten sie per Bahn ein kleines Dorf in Holstein.  Verwandte des von den Sowjets schon 1937 verschleppten Ehemanns unserer Tante L. lebte dort.  Die Verwandten waren schon in den späten 20-er Jahren aus der Sowjetunion nach Deutschland zurückgekehrt.

Ihr Ehemann selbst aber  war in der Hochzeit der Stalin’schen Säuberungen  eines Tages direkt von seiner Arbeitsstelle in Russland von den Schergen des KGB abgeholt worden, alle Versuche, etwas über seinen Verbleib zu erfahren, waren erfolglos geblieben. Zu der Zeit war Tante L. mit ihrem ersten und einzigen Kind schwanger. Die Mutter des Liebsten  nahm ihre Schwester bei sich auf und sorgte durch ihre Arbeit für das Überleben. Auch nach der Heirat meiner Schwiegereltern blieben alle zusammen.

Und so führte sie der Weg bis in das holsteinische Dorf.

 

Bei Wiki heißt es weiter:

Der Großteil der Administrativumsiedler wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Rahmen der Zwangsrepatriierung nach Russland zurückgebracht. Erst im Rahmen der Ost-West-Entspannung dürfen in den 1970er und 1980er Jahren über 70.000 Russlanddeutsche nach Deutschland umsiedeln.[

Was in nüchternem Amtsdeutsch und  die ganze und  eigentliche Tragik der Betroffenen verschleiernd mit „Zwangsrepatriierung“ bezeichnet wird, besagte nichts anderes, als das nach dem Abkommen (der Siegermächte von Jalta) alle Personen, die vor dem Krieg zum Staatsgebiet der Sowjetunion gehörten und während des Krieges in den Westen nach Deutschland gelangt waren, von den Alliierten an die Sowjets ausgeliefert und in die Sowjetunion zurück verbracht wurden. Allerdings nahm Mütterchen Russland diese Unglücklichen  nicht an ihr liebendes mütterliches Herz, sondern verfrachtete sie in die unwegsamsten Gegenden  Sibiriens oder in die kasachische Steppe, wo sie unbehaust schwerste Zwangsarbeit verrichten mussten und es ihnen unter Strafe verboten war, das ihnen zugewiesene Gebiet zu verlassen – schon gar nicht durften sie in ihre Dörfer am Schwarzen Meer zurückkehren.

Viele Menschen überlebten schon den Transport nicht… noch mehr kamen in den Lagern um.  Erst nach Stalins Tod konnten die Deutschen (und andere von den Sowjets verschleppte Minderheiten) freier über ihren Wohnort verfügen. Eine Ausreise nach Deutschland war aber für die meisten für Jahrzehnte unmöglich.

Aber meine Schwiegerfamilie hatte  „Glück“.

Im Gegensatz zu dem weitaus größten Teil der riesigen  Familie blieben sie nämlich von der so lapidar genannten „Zwangsrepatriierung nach Russland“ verschont, weil der Bürgermeister des kleinen Dorfes den Engländern, die in dem Teil Deutschlands das verhandelte Abkommen mit der Sowjetunion umzusetzen hatten,  auf deren Frage nach „Sowjetbürgern“ erklärte, in seinem Dorf gäbe es keine Sowjetbürger.

Wie durch ein Wunder gelangte auch ein Bruder des Vaters ins holsteinische Dorf und eine weitere Schwester der Mutter mit ihrem Mann. Sie wohnten in einem kleinen Raum auf dem Kornboden eines Bauern, der sie wohl freundlich aufgenommen hatte. Die jüngere Schwester des Liebsten wurde dort geboren.

Und als ein Wunder erschien es den in Holstein Gestrandeten wohl auch, dass sie von einigen wenigen Verwandten, so auch dem Bruder meiner Schwiegermutter  die erlösende Nachricht bekamen, dass auch sie „im Westen“ waren. Aber wie groß war der Preis, den einige zahlen mussten. Sowohl Frau und Kinder des Bruders meines Schwiegervaters, wie auch Frau und Kinder des Bruders meiner Schwiegermutter, sowie weitere Verwandte gehörten zu den Unglücklichen, die bereits auf dem Gebiet der ehemaligen DDR waren und dort von Amerikanern aufgegriffen und an die Sowjets ausgeliefert wurden.

Lange Zeit wussten die Familien nichts voneinander, bis nach und nach über das Rote Kreuz  Nachrichten über den Verbleib einiger Familienmitglieder die Verwandten im Westen erreichten. Briefe wurden geschrieben, Anträge auf Ausreise gestellt…. So viele Male vergeblich. Anfang der 70-er Jahre konnte ein Sohn des Bruders meiner Schwiegermutter mit seiner Familie nach Deutschland ausreisen, 1980 die Tochter mit ihrer Familie.  Auch ein Sohn  des Bruders meines Schwiegervaters konnte Ende der 70-er Jahre mit seiner Familie nach Deutschland kommen. Ihre Geschichten lohnten sich aufgeschrieben zu werden… Die Mühsal der ersten Jahre in der Verbannung, die vielen vergeblichen Versuche, eine Ausreise zu erwirken, das „geheime Leben“ als Deutsche … nur nicht auffallen! Das Ankommen hier in einem fremden Land, in dem sie zunächst wieder als nicht willkommene Fremde behandelt wurden…   ihr starker Akzent verriet sie als „Russen“, wie man in völligem Verkennen der Geschichte keck nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Zeitungen behauptete, obwohl sie selbst sich in allen Zeiten immer als Deutsche empfunden und auch so gelebt hatten … das sich Einfinden in den westdeutschen Alltag … in den Beruf, der trotz aller Ähnlichkeit mit der Arbeit, die sie kannten, sich so anders darstellte… und und und.

Es ist ihnen gelungen, hier eine neues Leben aufzubauen.

Vor einigen Tagen wurde in der Familie ein großes Fest gefeiert … eine Goldene Hochzeit. Einige Mitglieder der großen Verwandtschaft „aus der kalten Heimat“ haben wir dabei getroffen. Und natürlich wurde erzählt … und erzählt…. von früher, der „Repatriierung“, den Entsagungen der ersten Jahre, dem Leben in Kasachstan und dem Ankommen hier.  Und ich, „die Hiesige“, wie mich unsere Tante Ida zu ihren Lebzeiten immer liebevoll nannte,  ich hörte zu… viele Geschichte kannte ich schon, andere waren mir neu.

So auch die des Verwandten, der erzählte, dass er bei der Anmeldung seines Sohnes zum Gymnasium hier in Deutschland  gefragt wurde, ob er einen Migrationshintergrund habe. Der Verwandte verneinte. Daraufhin sprach ihn der Schulleiter auf seinen immer noch leicht zu hörenden Akzent an…  Der Verwandte erzählte dem Schulleiter in kurzen Sätzen die Geschichte seiner Familie, zurückverfolgt bis 1756 … ursprünglich beheimatet in Württemberg … um 1806 ausgewandert ans Schwarze Meer…. immer Deutsche geblieben und gewesen …  1987 zurückgekehrt in die alte Heimat Deutschland.

Das zähle leider nicht, beschied ihm der Schulleiter, er sei ja sowjetischer Staatsbürger gewesen, also habe er rein rechtlich gesehen einen Migrationshintergrund.

Und so denke ich nun  grübelnd darüber nach….. Haben sie oder haben sie nicht … einen Migrationshintergrund** … unsere Kinder…. schließlich waren auch ihre Großeltern rein rechtlich gesehen mal sowjetische Staatsbürger….

 

 

 

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ERKLÄRUNGEN

***  „Kalte Heimat“….  immer wenn eigentlich die Rede von Russland, bzw. der Sowjetunion war, fiel in Unterhaltungen stattdessen der Ausdruck „kalte Heimat“… ich kann es nicht wirklich erklären, vermute aber, dass der Begriff aus der Zeit stammt, als Familienangehörige nach Sibirien verschleppt waren und dort in Erdhütten hausten  – auch im kalten Winter…. Eine andere Erklärung mag die sein, das „die Heimat“ kalt und abstoßend geworden war.

 

„Glück“ –  das setzte ich in Anführungszeichen. Nach der tiefen Überzeugung meiner Schwiegereltern und vieler Verwandter  (und ich teile diese Überzeugung auch, obwohl ich es ja nicht persönlich erlebt habe) war es einzig Gottes Gnade, die sie die vielen Entbehrungen überstehen ließen und die immer wieder im richtigen Moment zu einer unverhofften Begegnung oder Entschärfung einer bedrohlichen Situation führte.  Nicht zuletzt ist das der Hintergrund trotz der schrecklichen Erlebnisse und Erfahrungen für den lebenslang gelebten Wahlspruch meiner Schwiegermutter:

Und saget Dank allezeit für alles Gott und dem Vater in dem Namen unsers HERRN Jesu Christi,“   (Epheser 5,20)

 

Informationen zu den „Deutschen aus Russland“ finden sich hier:

Schicksalswege der Deutschen aus Russland

Geschichte der Russlanddeutschen

Aussiedler und Spätaussiedler

Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

Schwarzmeerdeutsche

Russlanddeutsche

Migrationshintergrund

 

Migrations-Hintergrund   …..   **dann wär das ja geklärt.

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