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Frühlingsblau und sonnengelb… 25. April, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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Ich bin wieder zu Hause – nicht, dass das Wiesenhaus nicht auch Zuhause wäre – und mein Blick aus dem Fenster am Schreibtisch zeigt einen etwas trüben Tag, der dennoch unverkennbar Frühling bedeutet.

Die Birken im Nachbargarten hinter der Mauer tragen frisches Grün, der Kirschbaum blüht strahlend weiß und das Fachwerkhaus verschwindet mehr und mehr hinter dem Blättervorhang der Bäume und wird erst im Herbst wieder sichtbar.

Das Gärtchen schmückt sich frühlingsblau mit blühenden Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht,

wie hin getupft leuchten Tulpen mit geradezu unverschämtem Rot.

In der Nacht hat es geregnet und zarte Tropfen liegen auf den Blütenblättern der Tulpen und sammeln sich in den offenen Kelchen…

Das Gärtchen ist noch österlich geschmückt, mit vielen bunten Eiern, die die liebste Tochter an die Zweige der Büsche und Bäumchen hängte oder an der Mauer und im Gras „versteckte“…

 

Im Efeu an der Mauer ist ein alter, zerbrochener Spiegel, den ich vor vielen Jahren dort anbrachte und der immer wieder zu Sinnestäuschungen verleitet… mal einen Vogel, der in seinem Spiegelbild einen Rivalen sieht, mal Menschen, die zum ersten Mal im Gärtchen zu Besuch sind und meinen, ein Fenster zum Nachbargarten sei in die Mauer eingelassen… manchmal reizt es mich, in den Spiegel einen Blick zu werfen… wie ich es heute auch mit einem weiteren Spiegelobjekt an der Mauer getan habe…

Gleich, wenn ich diesen Beitrag beendet habe, werde ich den Osterschmuck einsammeln und ihn sorgsam für das nächste Jahr verstauen, das uns ein besseres, weil friedlicheres Fest bescheren möge. Denn die Gedanken an den Krieg lassen sich ja nur für kurze Zeit ausblenden.

Wir verbrachten die Tage nach Ostern auf der Wiese in solch einer friedlichen Atmosphäre und wunderbaren Natur, dass der Kontrast zu dem Geschehen in der Ukraine nicht größer und auch kaum grausamer sein könnte.

Das Feld neben der Wiese leuchtete im strahlenden Gelb – nahezu grell in der Mittagssonne, mild und warm am späten Nachmittag, wenn sich schon der Abend ankündigte.

Wie ich mich freue über diese Orgie, dieser Rhapsodie in Gelb, über die ich schon einmal vor ein paar Jahren schrieb. Der Energiehunger und der Hunger der Welt sind seither nicht weniger geworden, eher hat sich die Lage deutlich zugespitzt. Das Rapsfeld neben unserer Wiese mag dazu beitragen, die Versorgung zu gewährleisten, ob nun als Lieferant für die Nahrungsmittelindustrie oder doch als „Futter“ für eine Biogasanlage…  Es ist mir darüber hinaus gleichzeitig ein Sinnbild für die Vergänglichkeit: Jetzt ist es wunderbar anzusehen, in ein paar Wochen werden sich die Samen gebildet haben, die das Öl liefern, die Blätter werden verdorren, die Stängel braun und unansehnlich sein… ähnlich dem Mais, der in manchen Jahren auf dem Feld steht…

Und ich denke mit leisem Seufzen, dass nichts so wunderbar ist – ob im Frühjahr oder im Sommer oder kurz vor der Ernte – wie ein Getreidefeld, wenn der Wind darüber streicht und die Halme ein wogendes Meer bilden…

Am Meer waren wir natürlich auch…

Und auch in den Salzwiesen blüht es….

So dankbar für diese Tage des Friedens…. weit weg von allem Unheil, das uns so bedrohlich nahezukommen scheint.

Gebe Gott, dass Einsicht, Vernunft und die Sehnsucht nach Frieden größer und größer werde und das Handeln der verantwortlichen Politiker und ihrer Unterstützer bestimme.

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Kleine Binsenweisheit zum Kreuz…. 2. Mai, 2018

Posted by Rika in aktuell, aus meinem kramladen, christsein und glaube, gesellschaft, politik.
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Es ist doch eine Binsenweisheit, dass Religion –   gleich welcher Art  –  mehr ist, als einfach „nur eine spirituelle Angelegenheit zwischen den Gläubigen und ihrer jeweiligen anbetungswürdigen Gottheit“.

Völlig egal ob man sich die Angehörigen der sogenannten „Naturreligionen“ anschaut, ob man die Vielfalt der religiösen Ausprägungen im asiatischen Großraum betrachtet (etwa Buddha, Konfuzius, Shinto und die reiche Götterwelt auf dem indischen Subkontinent), ob alter Maja-Glaube oder gerade angesagter neuer Kult um den Dalai Lama, ob Christentum in seiner Vielfalt von katholisch, orthodox bis protestantisch und freikirchlich, ob Judentum oder Islam, allen Religionen ist eines gemeinsam:

Sie prägen die Kultur der Menschen, die in ihrem Einflußbereich wohnen. Das hat sich übrigens seit der Antike kein bisschen geändert.

Und selbst wenn den einzelnen Gläubigen irgendwann der direkte Draht zur jeweiligen  spirituellen Macht, sei sie nun Shiwa, Gott oder Allah genannt, Zeus oder Wotan,  verloren gegangen ist,  wenn der Glaube einfach einer Gutgläubigkeit gewichen ist oder zu einem  völligen Desinteresse mutierte, so bleiben doch die kulturellen Prägungen bestehen, die in der meistens jahrhundertealten Tradition erwachsen sind —-  und sei es „nur“, dass man fröhlich Weihnachten feiert, obwohl einem Jesus, seine Geburt und alles was mit seinem weiteren Lebenslauf zu tun hat, seiner Lehre und der damit verbunden  religiösen Basis komplett und total schnurzpiepenegal ist. Man feiert Ostern, ohne zu wissen warum, Pfingsten ist ein ewiges Rätsel für viele, die nur noch dem Namen nach christlich sind   —    aber den mit dem Fest verbunden Feiertag genießt man. In vielen Religionsgemeinschaften sind die ursprünglichen Feste zu „Ehren Gottes“ in ihrer jetzigen Ausgestaltung  vor allem Familienfeste.

Ich stelle einfach die Behauptung auf, dass es diese Phänomene in allen Religionsgemeinschaften dieser Welt gibt, weil Menschen nämlich überall auf der Welt dazu neigen,  „den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen“, ganz gleich wer ihr „lieber Gott“ ist.

Aber nicht nur die Feiertage – wie Weihnachten und Ostern bei den Christen, Pessach und Sukkot bei den Juden, das Zuckerfest bei den Muslimen –   sind gleichzeitig religiöse UND  kulturelle Ereignisse, es gibt darüberhinaus eine Vielzahl von Riten, Gebräuchen und Symbolen, die ganz selbstverständlich in den Alltag eingegangen sind, ohne dass sie nach  heutigem Umgang und Verständnis   unbedingt einem  spirituellen Zweck dienen, sie sind „Tradition“ geworden im Laufe der Jahre und Jahrhunderte.  Oftmals ist es schwer, den religiösen Gehalt hinter dem Volksbrauch zu entdecken… was hat es etwa mit Ostereiern auf sich? Warum verzichten Katholiken auf Fleisch am Freitag und wieso backen jüdische Hausfrauen die Challa für den Schabbat? Ist es Tradition oder doch eine religiöse Pflicht? Warum heiraten junge Menschen in einer Kirche, obwohl sie eigentlich mit Gott nichts an der Backe haben? Wegen des  schönen  Rituals etwa und weil  Kirchen  so etwas würdig Weihevolles haben? Warum tragen muslimische junge Mädchen Kopftuch, wenn sie gleichzeitig ihre weiblichen Reize nur mühsam oder gar nicht verbergen? Welchen Sinn findet sich in den gottesdienstlichen Ordnungen – niederknieen, niederwerfen, in ständiger Bewegung beten usw, usw?

Was hat beispielsweise der Gesang mit Glauben zu tun und warum gehört Musik bei Christen auch in die Kirche  – man denke an all die wunderbaren Messen, die von den größten Komponisten in allen Epochen geschrieben wurden?

Religion ist nicht einfach „nur Glaube oder glauben“. Religion ist immer auch die Basis für das, was wir „Kultur“ nennen, selbst dann noch, wenn Religion mehrheitlich in einem Land schon lange nicht mehr die Macht hat, wie sie in vorigen Jahrhunderten durchaus noch anzutreffen war.

Und selbst in der totalen bewussten Abgrenzung von Religion wird dieser Zusammenhang sichtbar, bedurfte es doch zunächst  der Religion, um eine ‚Abgrenzung von der Religion als Kultur‘  zu entwickeln. Die Sowjetunion war dafür ein schönes Beispiel, oder der real existierende Sozialismus in der DDR. Dort feierte man nicht mehr die Konfirmation an der Schwelle zum Erwachsenenalter, man erdachte die „Jugendweihe“, eine pseudoreligiöse Veranstaltung. Und statt des morgendlichen Gebets in der Schule, wie ich es als Schülerin noch erlebt habe, erklang die Losung der jungen Pioniere:  „Für Frieden und Sozialismus:  Seid bereit!“ – Die Antwort der Gruppe war daraufhin: „Immer bereit!“, meist verkürzt auf „Seid bereit! – Immer bereit!“. (Quelle Wiki)

 

Und nach diesem langen Vorspann komme ich endlich zu der „Binsenweisheit zum Kreuz“.

Wer von uns denkt beim Anblick eines Kreuzes zu allererst an den Kreuzestod Jesu – denn das ist ja die mit dem Symbol ursprünglich gemeinte Erinnerung und Vergewisserung: Jesus starb am Kreuz für unsere Sünden … „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“ heißt es bei den Katholiken.

Längst ist das Kreuz doch zu einem allgemeinen  „säkularisierten“  Symbol geworden, das  eben nicht nur  als weithin sichtbarer Hinweis und quasi Wegweiser  auf Kirchendächern prangt oder  von Geistlichen getragen wird  (sofern es nicht von Bischöfen auf dem Tempelberg schamhaft verborgen wird )   Es ist  ein zu unserem Kulturraum gehörendes Zeichen, unabhängig davon, ob der Mensch, der es erblickt  oder als Schmuckstück  an einer Kette trägt, nun an Gott, Jesus, Tod und Auferstehung glaubt oder eben nicht.

Das Kreuz  ist im Laufe der Jahrhunderte zum Symbol einer  (überwiegend)  auf dem Christentum basierenden Kultur geworden, erhebt aber heute nicht mehr  den Anspruch,  als Zeichen der Macht ehrfürchtig bedacht und begrüßt zu werden …. wie einst Gesslers Hut (siehe Wilhelm Tell).

Wenn aber  heute doch und darüberhinaus das Kreuz  das Zeichen dafür ist, dass es etwas gibt, eine Macht, eine Größe, die weit über unser Menschsein hinaus wirkt, so ist es doch gut dazu geeignet, die Menschen davon abzuhalten, in Größenwahn und Hybris zu verfallen. Und  dieser Mahnung kann doch kaum jemand ernsthaft entgegen treten.

 

Meiner langen Rede kurzer Sinn:

Es ist gut und vernünftig, dass Herr Söder wieder Kreuze in öffentlichen Gebäuden aufhängen lässt … als ein Zeichen für unseren kulturellen, vom Christentum beeinflussten Hintergrund, der  sich ja auch in der Gesetzgebung der Bundesrepublik und der Länder niederschlägt.

 

 

 

 

Am Ziel… 2. Juni, 2014

Posted by Rika in christsein und glaube, meditatives.
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Als mich im Januar des vergangenen Jahres meine ehemalige*** Kollegin und gute Freundin anrief und ganz unverblümt und „ohne Gewese“ zu mir sagte: „Rika, ich habe Krebs!“,  war es ein fürchterlicher Schock. Uns beiden war ziemlich schnell klar, dass die Zeit, die ihr noch blieb, nicht nach Jahren zu berechnen sein würde. Es folgten die üblichen Prozeduren, Chemo, Bluttransfusionen, Operation, Bestrahlung und wieder Chemo. Wir waren in einem sehr engen Austausch über Leben, Tod und Hoffnung  –  nicht die Hoffnung auf Heilung, die war von vornherein nahezu ausgeschlossen, weil bereits sehr viele Metastasen den Körper geradezu geflutet hatten.

Nein, die Hoffnung auf das Leben nach dem Tod, auf die Ewigkeit in Gottes Herrlichkeit war unser Thema – bis zuletzt. Sie fürchtete sich nicht vor dem Ende ihrer irdischen Existenz, denn, so formulierte sie es immer wieder, „ich weiß doch, wohin ich gehe.“ Sie war traurig darüber, ihrem Mann, ihrer Mutter, der Familie und Freunden die Trauer über ihren frühen Tod  nicht ersparen zu können.

Im Spätsommer besuchte ich sie in ihrer Reha. Eine strahlende X begrüßte mich, wir unternahmen eine lange Autotour im nordhessischen Bergland – für eine Wanderung reichten ihre Kräfte nicht. Im Herbst nahm sie mit reduzierter Stundenzahl ihre Arbeit an ihrer geliebten Schule wieder auf. X war eine begnadete Lehrerin, eine, die mit Lust und Leidenschaft ihren Beruf ausübte, die die Kinder und Jugendlichen liebte, eine, die ihnen mit aufmerksamer Achtsamkeit, Liebe und Konsequenz begegnete. Eine sachkundige und freundliche Kollegin, engagiert  und zuverlässig.

Sie war glücklich!

An ihrem Geburtstag gegen Ende des Herbstes überraschte ich sie in der Schule – ich hatte ein kleines Geschenk für sie und wollte sie auf einen Kaffee in unserem früheren „Lieblingsrestaurant“ einladen. Ich traf eine tieftraurige und weinende Freundin an. Es war der Tag, an dem sie ihrem Schulleiter mitteilen musste, dass sie wieder vor einem langen Krankenhausaufenthalt stand und wohl nie wieder in die Schule zurückkehren würde. Wir redeten lange miteinander – und nach dem Gespräch mit dem Schulleiter tranken wir auch unseren Kaffee …. Es war fast wie in alten Zeiten, wir klönten über dies und das, lachten miteinander, und waren uns doch der Situation ganz und gar bewusst.

Sie machte sich Sorgen, ob nach der Bestrahlung des Kopfes ihr Wesen unverändert sein und auch ihr Glaube und ihre Einstellung nicht verändert sein würde. ich versprach ihr, sie an alles zu erinnern, das ihr wichtig war, sollte sie es vergessen oder nicht mehr präsent haben.

Die Intervalle zwischen meinen Besuchen bei ihr wurden Anfang dieses Jahres kürzer. Wir saßen in ihrem Esszimmer an dem schönen großen Tisch und redeten über dies und das, die Modalitäten ihrer Beerdigung zum Beispiel und dass sie zum Sterben in ein Hospiz gehen wollte und der Mai oder Juni doch eigentlich schöne Monate dafür seien.   Und nach wie vor redeten wir über die Hoffnung, von der sie getragen wurde.  Sie las viel im Neuen Testament, lernte  „ihren Paulus“ ganz neu kennen, entdeckte den „Kollegen“, den Lehrer in seinen Briefen. Das Johannesevangelium wurde ihr immer wichtiger, ebenso der 23. Psalm, in ihm fand sie so etwas wie den persönlichen Leitgedanken ihres Lebens, den sie Vers für Vers durchdrang. Bei meinem letzten Besuch in ihrem Haus meinte ich zu ihr, jetzt sei sie beim letzten Vers angekommen. „Nein, Rika!“ protestierte sie. „Ich lebe doch noch hier auf der Erde!“

Dem musste ich zustimmen.

Vor zwei Wochen rief sie mich an, sie war ins Hospiz gekommen (damit hatte ich ’noch‘ nicht gerechnet)  und bat mich zu ihr zu kommen. Ich fuhr sofort zu ihr. Sie war noch immer so voller Freude, trotz der schweren Krankheit. Von da an besuchte ich sie täglich für einige Stunden. Ich las ihr vor, betete für sie, wir hörten an den ersten Tagen noch gemeinsam Musik. Sie wurde immer schwächer, hatte Mühe, sich noch auf ein Gespräch zu konzentrieren. So saß ich nur an ihrem Bett, hielt ihre Hand oder streichelte sie leise, betete still für sie.

Zu Beginn der vergangenen Woche ist sie gestorben, friedlich.

„Und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar!“

Ich danke für ihr Leben, ihre Freundschaft, ihre Hilfe ihr Sein.

 

………………………………………………

*** „ehemalig“ deshalb, weil ich seit 4 Jahren im Ruhestand bin.

Mit großer Dankbarkeit und Achtung vor der Arbeit, die sie tun, denke ich an die Mitarbeiter des Hospiz.

Vierzig Jahre…. 29. Juni, 2013

Posted by Rika in aus meinem kramladen.
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Als die große Feier vorbei war meinte meine Mutter zu meinem Vater: „Wenn das ein Jahr hält, haben wir Glück gehabt…!“ (Mir wurde es tatsächlich so von meinen Eltern erzählt….)

Das, was da halten sollte und von meiner Mutter (wenig schmeichelhaft für mich) sorgenvoll in später Nacht nach dem Fest unserer Hochzeit infrage gestellt wurde, war nichts anderes als diese nunmehr vierzig Jahre währende Ehe.

Ich will nun meine Mutter wirklich nicht in einem schlechten Licht dastehen lassen. Tatsächlich schien aus ihrer damaligen Sicht die Annahme, unsere Ehe könnte sehr bald scheitern, nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, waren – und sind es immer noch – mein Liebster und ich doch sehr, sehr unterschiedlich hinsichtlich Temperament und Persönlichkeit und den damit verbundenen emotionalen, kognitiven  und kommunikativen Prozessen, die für eine gelingende Beziehung unabdingbar scheinen,  und vermutlich waren meine Eltern nicht die einzigen Menschen, die  darum der oben genannten Vermutung zugeneigt waren.

Es bleibt vielleicht ein niemals aufzuklärendes Geheimnis, warum unsere Ehe allen normal-alltäglichen und dramatischen Widrigkeiten zum Trotz Bestand hatte – und hoffentlich noch lange haben wird, ja, warum wir heute glücklicher sind denn je. Zu sagen, dass wir uns doch liebten und immer noch lieben, wäre ein bisschen zu einfach, obwohl es gerade diese einfache Feststellung ist, die am ehesten dazu taugt, das Geheimnis unseres Eheglücks zu erklären. Wobei – ich will es ausdrücklich betonen – Liebe nicht mit Gefühl oder gar Gefühlsduselei zu verwechseln ist, was nicht heißen soll, dass Gefühle keine Rolle spielen. Sich aber einzig auf ein immerwährendes Honeymoon-Gefühl zu verlassen, wäre wohl die größte Torheit, der man sich in Bezug auf Beziehung hingeben könnte. Liebe ist mehr als ein Gefühl, es, bzw. sie sei unter anderem  eine Entscheidung, meinte die Pastorin in ihrer Traurede für den Freund am vergangenen Samstag.  Es (sie) ist Arbeit, stellte Ulrich Schaffer in einem seiner vielen guten Texte fest. Es ist der Wille füreinander da zu sein, auch wenn es schwierig wird, hat einmal mein kluger Mann gesagt. „Es ist was es ist“, beschreibt Erich Fried in seinem bekannten Gedicht „Was es ist“ dieses ebenso mächtige wie seltsame intra- wie interpersonale Ereignis! Es ist (auch) ein Geschenk Gottes, glaube ich mit dankbarem Herzen.

Und so danke ich Gott für meinen wunderbaren, klugen, einfühlsamen und gescheiten Mann, der es in all den Jahren verstanden hat, mich zu verstehen – was nicht heißt, dass dieses Verstehen auch automatisch „gut finden“ bedeutet (auch so ein Trugschluss, dem sich viele Leute hingeben und deshalb das Verständnis des Partners strapazieren, bis es wirklich nicht mehr geht!) -, der mich weder eingeengt noch mir unbegrenzte Freiheiten gelassen hat, der meine kreative Lebendigkeit liebt und meinen Übermut zu zügeln weiß und dem es gar nicht gefällt, wenn ich gar zu heftig im Ärger mein Inneres nach Außen kehre…. mit dem ich über alles, wirklich alles reden konnte und kann.

Dieses miteinander Reden war, glaube ich, unser größtes Pfund, mit dem wir wuchern konnten, selbst dann, wenn wir gegensätzlicher Meinung waren oder nach Erklärungen für unser jeweiliges (unterschiedliches)  Verhalten suchten  und wir einander zunächst nicht verstehen konnten.  Zeit, braucht dieses Reden, Zeit, die wir uns dafür immer genommen haben…. manchmal haben wir für unsere ernsten Gespräche einen neutralen Ort gewählt, ein Restaurant zum Beispiel, das , obwohl „öffentlicher Raum“,  genug intime Nähe für das miteinander Reden ermöglichte.

Wie sehr wir bei aller Gegensätzlichkeit doch intuitiv und in phänomenaler Übereinstimmung interagieren konnten und können und uns nahezu blind aufeinander verlassen haben, zeigte sich im Umgang und Zusammenleben mit unseren Kindern. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals einen ernsthaften  Disput über Erziehungsfragen ausgefochten hätten oder hätten ausfechten müssen und schon gar nicht wäre es uns in den Sinn gekommen, mögliche (marginale) Unterschiede vor den Kindern zu verhandeln oder die Kinder gegen den Partner zu instrumentalisieren. Wir haben das immer als großes Glück erlebt und sind darüber froh und dankbar.

Ein Freund schenkte uns zur Hochzeit ein selbst gestaltetes Bild: „Sukzessive Approximation“ hatte er es genannt – allmähliche Annäherung!  Unsere Zweisamkeit ist immer diese Annäherung geblieben, wir sind nicht zu einer  symbiotischen Einheit verschmolzen, wir sind uns nahe, sehr nahe und manchmal scheinen wir  eins zu sein,  aber wir sind immer noch Zwei.

Zwei – mit unseren Eigenheiten, Stärken und Schwächen, unseren Gefühlen und unserem Willen, unserem Reden und Schweigen, mit unserer Liebe. Unsere Zweisamkeit war und ist kein statischer Zustand, sie ist vielmehr immer ein Prozess gewesen und ist es noch. Ich beschreibe das oft mit der Bewegung der Hände: Dicht beieinander, das kein Haar dazwischen zu passen scheint und dann wieder soweit voneinander entfernt, wie es die Länge der Arme zulassen. Beides, das absolut Dichte, wie das absolut Ferne kann man, können wir,  nicht lange aushalten,  wir schwingen aufeinander zu und voneinander weg und sind darin doch (immer) zusammen.Wir brauchen die Nähe und die Weite, das jeweils Eigene und das Gemeinsame.   Ulrich Schaffer beschreibt das in einem Text so:

„Paarlaufen

Wir sind zwei Eisläufer, die ihre getrennten Figuren laufen; aber immer wieder, ein jeder vom Ende seines Eises kommend, laufen wir aufeinander zu, begegnen uns, berühren einander vorsichtig und führen dann den Zauber einer gemeinsamen Figur aus. In jedem Moment sind wir allein, laufen auf dünnen Stahlkufen auf dieser glatten Oberfläche, immer Gefahr zu fallen. Jeder von uns läuft allein, und doch sind wir uns voll des anderen bewußt. Wir zittern für uns selbst, aber auch für den anderen. Es ist nicht zu sagen, ob wir allein sind oder zu zweit. Wir sind allein und sind es nicht. Unsere Übung heißt „Paarlaufen“. Aber wir können es nur, wenn jeder auch als einzelner laufen kann.“ (Quelle)

Wir sind manchmal gestolpert und manchmal konnten wir die gemeinsame Musik nicht hören… unsere Übung dauert noch an, wir werden noch immer besser!

Es waren ereignisreiche, gute, arbeitsame, auch manchmal schwierige und vor allem glückliche Jahre.

Und so erschließt sich mir nach  vielen Jahren auch der Trautext, den uns der Pastor „meiner“ damaligen Gemeinde mit auf den Weg gab. Er findet sich im Johannes-Evangelium, Kapitel 2, 1 – 7  Es ist der Bericht über das erste Wunder, das Jesu bei der „Hochzeit zu Kana“ tat, besser gesagt, es ist der erste Teil des Berichts. Das Wunder selbst, das nämlich Wasser in Wein verwandelt wird, folgt erst in dem folgenden Vers 8. Immer habe ich mich gefragt, warum der Pastor damals nur den Text bis Vers 7  in unsere Traubibel schrieb. Ein Versehen? Jetzt, nein, schon seit einiger Zeit,  weiß ich es, wir haben in den Jahren das getan, was Jesus den Leuten damals auftrug: „Bringt dem Küchenchef eine Probe davon!“ wie es in der Übersetzung „Hoffnung für alle“ heißt. Wir haben Probe für Probe genommen…. und dabei den Wein des Lebens und die Fülle der Liebe Gottes erfahren!

DANK sei GOTT

und DANK sei Dir, mein lieber Liebster!

Und Danke auch an unsere Kinder – die uns so unendlich bereichert haben!

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