jump to navigation

Wisst ihr, wo die Blumen sind? 12. April, 2022

Posted by Rika in aktuell.
Tags: , , , , ,
add a comment

Aus meiner Erinnerung steigt ein Bild auf…

Ich war mit den Kindern zur FH gefahren, um den Liebsten abzuholen. Wir trafen ihn im Medienraum an, in dem er mit Studenten ein Seminar abgehalten hatte, das Equipment stand noch bereit, und der  Liebste kam auf die Idee, ein paar Videoclips mit den Kindern aufzunehmen.

Und so sehe ich sie noch vor mir, unsere kleine Tochter steht auf einem Stuhl und singt ton- und textsicher ein altbekanntes Lied: „Sag mir, wo die Blumen sind.“ Damals, es muss Ende der 80er Jahre gewesen sein, habe ich das Lied oft gesungen und meiner musikalischen Tochter, damals vielleicht vier Jahre alt, gefiel das Lied, und auch, wenn sie den Text zunächst nicht verstand, konnte sie ihn bald auswendig. Wir haben ihr und ihren Brüdern erklärt, was es mit dem Lied auf sich hatte.

Noch bestand die alte Ordnung, die DDR existierte noch abgeriegelt hinter Mauer, Todesstreifen und Stacheldraht. Dem Westen unversöhnlich gegenüber stand der Warschauer Pakt mit der Sowjetunion als Führungsmacht, in Deutschland West lagerten die Atomwaffen unseres mächtigsten Verbündeten innerhalb der NATO, den Vereinigten Staaten von Amerika, und jedermann wusste, dass nur der gegenseitige Respekt vor den Waffen des Gegners den brüchigen Frieden während des Kalten Krieges aufrecht hielt.

DDR, Sowjetunion, Warschauer Pakt sind längst Geschichte. Die NATO hat ihren Verteidigungsbereich bis an die ehemalige Westgrenze der ehemaligen Sowjetunion ausgedehnt und dabei sogar die baltischen Staaten in ihren Sicherheitsring einbezogen.

Nun herrscht Krieg zwischen den ehemaligen Teilrepubliken der großen Sowjetunion, nämlich zwischen Russland und der Ukraine. Der Herr im Kreml strebt eine Reunion der alten Union sozialistischer Republiken unter der Führung Moskaus an… davon jedenfalls muss man zwingend ausgehen.

Und der Westen?

Der Westen –  insbesondere Deutschland und die EU – muss bitter erkennen, dass Wandel durch Handel keine Garantie für die Unverletzlichkeit von Staaten und Grenzen bedeutet, dass wirtschaftliches Wohlwollen auf der einen Seite und größter Profit hier bei uns keinen dauerhaften Frieden garantiert.

Irgendwie scheint hierzulande in den letzten Jahren das Geflecht von Wirtschaft und Politik so unauflösbar geworden zu sein, dass die verantwortlichen Politiker die Gefahr nicht auch nur ahnten, geschweige denn erkannten, die der Verzicht auf eine starke Wehrhaftigkeit mit sich bringen würde. Die Idee des Pazifismus vom friedlichen Zusammenleben und gegenseitigem Handel der Völker verstellte den Blick dafür, dass es nicht ein einziges Jahrhundert seit der Bildung von Staaten oder größeren Verbänden befreundeter Stämme  OHNE KRIEGE gegeben hat. Und was ließ uns so blind darauf vertrauen, dass der globalisierte Handel in Gegenwart und Zukunft kriegerische Auseinandersetzungen zwischen zivilisierten Staaten verhindern würde? Die furchtbaren Fehden in Afrika, die arabische Rebellion, das Auftrumpfen der Taliban mag uns wie das Echo mittelalterlicher Scharmützel vorgekommen sein, mit denen „WIR“ im aufgeklärten Westen aber doch nicht zu vergleichen waren oder sind.

Wie sehr haben wir uns geirrt.

Und nun finden neben den sehr realen Kriegshandlungen in der Ukraine die verbalen Schlachten in Talkshows, Brennpunkten und Sondersendungen statt. Und es will scheinen, als hätten viele der an den Sendungen beteiligten Journalisten das alte Antikriegslied nie gehört. Darum meine Überschrift:

Wisst ihr, wo die Blumen sind?

Wisst ihr es noch, wie wir damals den großen, alles vernichtenden Atomschlag gefürchtet haben?

Heute hörte ich im NDR 1 den Rückblick auf eine sehr bemerkenswerte Aktion. In der Göttinger Erklärung, die genau heute vor 65 Jahren veröffentlicht wurde, warnten namhafte Wissenschaftler vor der verheerenden Wirkung der Bewaffnung Deutschlands mit Atomwaffen.

Ich habe, das gestehe ich wieder und wieder ohnmächtig ein, keine Vorstellung, wie Putins Krieg zu beenden ist, aber ich habe eine Vorstellung davon, was geschehen wird, wenn Putin zum Äußersten greift und nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa mit Atomwaffen angreift.

Darum gilt meine Bitte den Journalisten, die allzu vollmundig die Politiker auffordern, mit der Lieferung schwerer Waffen nun endlich wieder die alte „Vormachtstellung Deutschlands“ in Europa wieder herzustellen, entwaffnet eure Reden, eure Sätze, Worte, Stellungnahmen.

Wie kann man an Scholz appellieren, auch militärisch die „Führerschaft“ in Europa (durch die intensive Waffenlieferung an die Ukraine) im Vorgehen gegen Putin zu übernehmen?

Diese Forderung hat mich, als ich sie heute in einem Bericht las, zutiefst verstört und entsetzt.

Hatten wir nicht mal einen Führer, der die ganze Welt ins Elend stürzte – und gab es nicht schon einmal die Propaganda, die in der Frage gipfelte, ob das Volk den totalen Krieg wolle?

Lasst uns den Kanzler an die Blumen und die Soldatengräber der Weltkriege erinnern und ihn dringend bitten, alles in seiner Macht Stehende zu tun, Putin diplomatisch zu isolieren und seine Unterstützer hierzulande und in den großen Staaten Asiens dazu zu bringen, für den Frieden und gegen Putins Krieg in der Ukraine zu arbeiten.

Sag mir, wo die Blumen sind…“

(Inzwischen fordert Selenskyj nicht nur Verteidigungswaffen, sondern auch Angriffswaffen, um Mariupol zu befreien.)

—————————————————————————————-

NACHKLAPP  um 18.25 h

Sollte sich bewahrheiten, was ich gerade in den NDR-1-Nachrichten gehört habe, wonach Herr Selenskyj einen Besuch Präsident Steinmeiers in der Ukraine ablehnt, bei dem Steinmeier seine Solidarität mit der Ukraine und unseren Beistand zusichern wollte, so ist das in meinen Augen eine ziemlich bodenlose und unanständige Beleidigung des Präsidenten des Landes, das unablässig von Selenskyj mit der Forderung nach schweren Waffen bedrängt wird.

Es ist richtig, dass in der Rückschau Kritik an der Außenpolitik in Bezug auf Russland angebracht ist. Herr Steinmeier hat seine Fehleinschätzung offen zugegeben.

Die Ukraine war in der Vergangenheit jedoch alles andere als fehlerlos in ihren politischen Entscheidungen und muss sich meiner Meinung nach die Frage gefallen lassen, was sie selbst zu der jetzigen Situation beigetragen hat.

Diese notwendige Frage ändert jedoch nichts an der Feststellung, dass Putin ein unberechenbarer und diktatorisch handelnder Despot ist, dem man das Handwerk legen müsste.

Werbung
%d Bloggern gefällt das: