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Ambulanter Hospizdienst: Ich mach hier mal ein bisschen Werbung… 5. November, 2015

Posted by Rika in aktuell, gesellschaft, politik.
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Es ist überaus erfreulich, dass im Deutschen Bundestag beschlossen wurde, die Situation Sterbender zu verbessern und die Palliativversorgung totkranker Menschen und die Hospizarbeit zu fördern. (Siehe dazu den Gesetzentwurf)

Dass viele Menschen erhebliche Angst vor den letzten Tagen und Wochen vor ihrem Dahinscheiden haben, nicht aber vor dem Tod selbst, das ist viel zu lange viel zu wenig beachtet worden. Ich wage sogar zu behaupten, dass ohne die in der Öffentlichkeit schon seit langem heftig und kontrovers geführte  Debatte um aktive Sterbehilfe das Thema „Umgang mit Sterbenden“ niemals den Weg in den Bundestag gefunden hätte und die Hospizarbeit auch weiterhin eher ein Schattendasein am Rande der „Krankheitswirtschaft“ führen würde.

Es sind die schrecklichen Erfahrungen mit aktiver „Sterbehilfe“ während der NS-Zeit, die die Debatte um begleiteten Suizid so heikel und schwierig macht. Wenn man, wie von einigen Abgeordneten gefordert, die ärztliche Hilfe zum Suizid totkranker Menschen straffrei stellt, öffnet man damit nicht gleichzeitig dem Missbrauch Tor und Tür? Wenn schwerkranken Menschen durch manipulative Propaganda nahe gelegt wird, es sei ein Gewinn, ihrem  Leben vorzeitig selbst ein Ende zu setzen, um so Schmerzen, Einsamkeit und der drohenden Fremdbestimmung durch pflegende Angehörige oder Pflegedienste zu entgehen, wenn zudem Angehörigen suggeriert wird, das sei alles im rechtlichen Rahmen des Erlaubten, werden wir dann in einigen Jahren möglicherweise erleben, dass man auch nicht gar so schwerkranke Personen drängt, ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil es einfach kostenfünstiger für die Familien, die Krankenkassen und die Gesellschaft ist? Wann ist ein altes und schwaches Leben, wann ein von schwerster Krankheit gezeichnetes Leben noch lebenswert und wer bestimmt das?

Die Fragen um  Suizid und die rechtlichen Voraussetzungen will der Bundestag klären und darüber abstimmen, welche gesetzlichen Bestimmungen in Zukunft gelten sollen bei der Frage nach Leben und  selbstbestimmtenTod, wobei das „selbstbestimmt“ nicht nur eine Frage des erklärten Willen, sondern auch der jeweiligen Umstände dessen ist, der willens ist sich zu töten,  respektive  sich töten zu lassen.  Menschen, die (noch) körperlich in der Lage sind, Suizid zu begehen aus Angst vor dem Altwerden oder  in schwerer Krankheit und bei zu erwartenden Schmerzen, wird es immer geben und vermutlich werden auch viele Menschen genau das tun:  ihrem Leben selbst und ohne fremde Hilfe ein Ende setzen. Für diese Menschen muss der Gesetzgeber keine neuen Gesetze beschliessen. Mit dem eingetretenen Tod entzieht sich der Mensch auch der irdischen Gerichtsbarkeit.  Für diejenigen aber, die „nur“ mit Hilfe anderer aus dem Leben scheiden können, muss es Regeln und Gesetze geben, andernfalls würde sich doch jeder, der bei einer Selbstötung hilfreich zur Hand geht, sich des Totschlags oder der Beihilfe zum Totschlag strafbar machen.

In der Debatte um die rechtlichen Bestimmungen zur Tötung auf Verlangen, zur „assistierten Selbsttötung“ und wie die Handlungen sonst noch heißen mögen, wird aber leider beinahe gänzlich übersehen, dass es eine andere Möglichkeit gibt, dem Tod entgegen zu gehen, das Sterben zu erleichtern. Die Rede ist – wie oben schon angedeutet – von einer deutlich verbesserten Palliativversorgung schwerstkranker und sterbender Menschen. Ich habe es sowohl in der Begleitung meiner Eltern, als auch währende des Sterbens meiner Freundin erlebt, dass die körperlichen Schmerzen und Beschwernisse sterbender Menschen durch die begleitenden Ärzte deutlich – wenn auch vielleicht nicht vollständig – gemindert werden können. Allerdings müsste auch für diese Form der Sterbebegleitung zumindest das Gesetz über den Gebrauch von Betäubungsmitteln dahingehend geändert werden, dass man dem oben genannten Personenkreis die unbegrenzte Einnahme schmerzlindernder Medikamente straffrei zubilligt. Ich bin keine Ärztin und kann demzufolge wenig über die lebensverkürzenden Aspekte unbeschränkter Gaben von Morphium und ähnlichen Medikamenten sagen, aber angesichts des ohnehin nahenden Todes sollte das ein zu vernachlässigender Gesichtspunkt sein. Es muss immer darum gehen, den Leidenden Schmerzen zu ersparen. (Ich bin mir durchaus bewusst, dass dies der oben angeführten Fragestellung real und rechtlich sehr nahe kommen könnte.)

Neben einer guten palliativen Versorgung schwerstkranker Menschen und Sterbender, spielen aber auch die  menschlichen Begleitumstände Sterbender eine nicht unerhebliche Rolle. Viele Angehörige sind mit der Begleitung ihrer totkranken Familienmitglieder überfordert, manche sind aus zeitlichen oder räumlichen Gegebenheiten dazu gar nicht in der Lage, sei es, dass die Angehörigen berufstätig sind und damit  der Sterbende  in der gemeinsamen Wohnung nicht ausreichend gut betreut werden kann oder die Angehörigen sogar in einer anderen Stadt wohnen. Für diese Fälle gibt es seit einigen Jahren ambulante Hospizdienste. Eigens dafür ausgebildete und zumeist ehrenamtlich tätige Mitarbeiter helfen stundenweise in der Begleitung sterbender Menschen. Leider sind diese Dienst noch nicht ausreichend zahlreich im gesamten Bundesgebiet angesiedelt und können daher den vorhandenen Bedarf noch nicht decken. Dies soll nun durch die heute im Bundestag beschlossenen Massnahmen verbessert werden.

Ein anderer Punkt ist, dass ambulante Hospizdienste noch viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein der Bevölkerung verankert sind. Und deshalb mache ist jetzt ein bisschen Reklame für „meinen“ Hospizdienst mit diesem Text, den ich heute für eine Information über „uns“ geschrieben habe:

„Der ambulante Hospizdienst informiert:

In den letzten Tagen und Wochen debattierte der Deutsche Bundestag über verschiedene Entwürfe für eine Gesetzesänderung zur Sterbehilfe ( Suizidbeihilfe), und wenn sie diese Zeilen lesen, wird darüber abgestimmt worden sein. Aus Angst vor Schmerzen, Einsamkeit oder dem Verlust des selbstbestimmten Lebens verlangen immer mehr schwerstkranke Menschen und ihre Angehörigen nach (ärztlicher) Sterbehilfe und der gesetzlichen Regelung, diese straffrei zu stellen. Neben dieser Debatte verabschiedete der Bundestag am 5. 11. 2015 ein Palliativ- und Hospiz-Gesetzt zur besseren Versorgung sterbender Menschen.

In diesem Sinne setzt der ambulante Hospizdienst einen entsprechend eigenen  Akzent in der Frage der „Sterbehilfe“ :   „Mit uns: Leben gestalten bis zuletzt.“ Unter diesem Leitgedanken informiert der Dienst in dem neu gestalteten Flyer über die Angebote zur Hilfe für Sterbende und  Angehörige und weist auf die Möglichkeiten hin,  auch in den letzten Wochen des Lebens  Würde und Lebensqualität zu erhalten. Ehrenamtliche Mitarbeiter – koordiniert von der Leiterin des Dienstes, Birthe Möller,   –  bieten nach den Bedürfnissen der Sterbenden und in Absprache mit  Angehörigen oder Ärzten und Pflegeeinrichtungen  ihre Zeit an zum Zuhören, Vorlesen, Beten, für Gespräche  oder einfach nur um da zu sein, wenn Angehörige keine Zeit haben oder fehlen. Sie unterstützen Angehörige auch in organisatorischen Angelegenheiten, etwa beim Gang zum Bestatter.

Der ambulante Hospizdienst bietet auch in der Zeit nach dem Tod  Hilfe für Angehörige  an:  Trauernden Menschen Raum und Zeit zu geben für Gespräche, den Austausch über Gefühle, angstfrei reden zu können über das Erleben des Todes eines nahestehenden und lieben Menschen und die Einsamkeit danach, das ermöglicht das „Trauerfrühstück“ im Kirchröder Turm einmal im Monat an einem Samstagmorgen unter dem Leitgedanken: „Gemeinsam weniger einsam.“  Ehrenamtliche Mitarbeiter richten in einem festlich gestalteten Raum das Frühstück aus und bieten nicht nur einen liebevollen „gastronomischen Service“  an, sondern sind für die Trauernden persönlich da. Auf diese Möglichkeit weist der  neue Flyer „Trauerfrühstück“ hin. Er ist so gestaltet, dass er  als Einladungskarte an Betroffene weiter gegeben werden kann.

Die verschiedenen Aufgaben des  ambulanten Hospizdienstes werden von Ehrenamtlichen wahrgenommen. Mit dem Flyer „Zeitschenker werden“ wirbt der Dienst um Menschen die bereit sind,  sich ausbilden zu lassen, um mithelfen zu können, „die Situation von schwerstkranken und sterbenden Menschen zu verbessern“, wie es in dem Text des Flyers heißt. Wir brauchen mehr Mitarbeiter.

Es ist uns ein großes Anliegen, die Arbeit des ambulanten Hospizdienstes vielen Leuten bekannt zu machen und in die Öffentlichkeit zu tragen.  Wir weisen darum hiermit auf die Flyer hin, die in den Gemeinden ausliegen und bitten sehr darum, von ihnen Gebrauch zu machen, sie an Betroffene weiter zu reichen oder sie in größerer Zahl  auszulegen, etwa nach persönlicher Rücksprache in Apotheken oder Arztpraxen, beim Friseur oder beim Bäcker oder – oder – oder. Natürlich können Flyer auch über  die Geschäftsstelle des Hospizdienstes im Diakoniewerk Kirchröder Turm e.V., Kirchröder Straße 46 bezogen werden.  Noch wird an der Website des ambulanten Hospizdienstes gearbeitet, wenn sie aber fertig gestellt sein wird, ist auch dies eine Möglichkeit, den Hospizdienst durch  Links persönlich weiter bekannt zu machen. Die Webadresse lautet: www.ambulanter-hospizdienst-hannover.de  Sie findet sich auch auf jedem Flyer.

Man zündet doch kein Licht an, um es unter einen Scheffel zu stellen, heißt es sinngemäß in der Bibel. Wir wollen das Licht der Hilfe auf einen Leuchter stellen, dass es Menschen zu Gute kommt, die Hilfe brauchen.

Und auch dies noch zum Schluss:  Für alle, die nicht persönlich als Sterbebegleiter oder Trauerbegleiter arbeiten können, aber dennoch mithelfen wollen, dass Menschen im Sterben  nicht der Ausweglosigkeit von Angst und Einsamkeit hilflos ausgesetzt sind,  weisen wir auf unser Spendenkonto hin. Ohne Spenden kann der ambulante Hospizdienst seinen Dienst langfristig nicht erbringen. Die Kontodaten findet man auf jedem Flyer.“

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Hospizarbeit…. 26. Mai, 2015

Posted by Rika in familie, gesellschaft, hilfe!.
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Gestern war ich zum ersten Mal nach einem Jahr wieder in dem Hospiz in Bad Münder.

Das ganze Haus und seine Umgebung atmet die Schönheit, Fülle und den Wohlklang des Lebens –  und doch ist die Bestimmung dieses Ortes das Sterben.

Schwerstkranke verbringen hier die letzten Wochen und als Sterbende die letzten Tage und Stunden ihres Lebens  –    liebevoll, aufmerksam, ruhig und professionell gepflegt. Ihrer Würde, ihren Wünschen und ihrem Willen wird aufmerksam und achtsam begegnet. Keine Hektik, kein erkennbar organisatorisches MUSS,  kein Zwang für die Gäste*, einer Verordnung oder Vorschrift entsprechen zu müssen. Keine festgelegte Besuchszeit für Angehörige und Freunde, kein Gefühl  für die Besucher, ein Störenfried des ordentlichen Ablaufs zu sein.  Alles wird den Sterbenden und ihren Bedürfnissen untergeordnet.

Das  Haus ist hell, freundlich, klar und einladend  gestaltet – und zugleich zweckmäßig und praktisch für diejenigen, die dort Pflege, Versorgung und Betreuung leisten. Neben den hauptberuflich Pflegenden helfen Ehrenamtliche im Hospizdienst. Sie besuchen auf Wunsch und nach Absprache die Gäste*, deren Angehörige in größerer Entfernung wohnen und / oder durch Beruf und Familie nur wenig Zeit haben, die Sterbenden zu begleiten.

Und auch die Besucher, die Angehörigen und Freunde werden einbezogen in diese fürsorgliche Welt der Betreung….   Getränke stehen bereit – Wasser, Saft, Tee, Kaffee -, Gebäck, ein kleiner Imbiss, Obst.  Im Foyer laden Sessel zum Verweilen ein, Bücher bieten Ablenkung, leise Musik trägt zur Entspannung  bei. Im Raum der Stille findet man Ruhe und  Angebote zu Meditation.  Im Sommer ermöglicht  die Terrasse den weiten Blick in die Landschaft, kann man im gepflegten Garten ein wenig herum spazieren, den Vögeln zuhören, auf einer Bank ruhen…

Und so dient das Haus zugleich den Lebenden, den Angehörigen nämlich, die  nicht zu dem schmerzhaften Prozess des Abschiednehmens auch noch die Bürde der Pflege  tragen und  ertragen müssen.

So ganz anders war mein Erlebnis am Tag zuvor.

Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Mitarbeit im ambulanten Hospizdienst begleite ich seit Februar eine alte Dame in einem großen Pflegeheim. Auch das Haus macht (zunächst) einen freundlichen und gepflegten Gesamteindruck. Auch in diesem Haus werden die  Menschen in aller Regel auch sterben.  Auch in diesem Haus werden Menschen gepflegt.

Das Zimmer der alten Dame  ist klein und wenig freundlich eingerichtet. Das Pflegebett dominiert den Raum, die drei privaten Einrichtungsgegenstände bieten einer eher trostlosen als anheimelnden Anblick. Familienbilder hängen halbschief in einem Bilderrahmen, dessen zersplittertes Glas davon zeugt, dass er wohl vor nicht allzu langer Zeit heruntergefallen sein muss und dann einfach so wieder an die Wand gehängt wurde.  Der Ferseher – ein riesiger Flachbildschirm – dudelt fast immer wenn ich komme, irgendeine schreckliche Trashsendung wie „Shoppingqueen“ oder „Restaurantretter“ läuft, aber die alte Dame kann von der Position in ihrem Bett aus das Bild gar nicht sehen, ist nur diesem unerträglichem Geschwätz ausgesetzt („Damit sie sich nicht so allein fühlt“, wie man mir gleich zu Anfang meines Besuchsdienstes mitteilte.)! Mein Versuch, einen anderen weniger trashigen Sender zu finden, schlug fehl…. woran auch immer es liegen mag. Vielleicht sind alle Zimmer an die hauseigene Sateliten-Versorgung angeschlossen?  Und natürlich stelle ich das Ding aus, wenn ich die alte Dame besuche.

Am Pfingstsonntag war sie sehr schwach. Sie atmete kaum noch, reagierte nicht auf mich und nahm mich wohl auch gar nicht wahr. So setzte ich mich nur still an ihr Bett und streichelte ganz sacht ihren Arm, ihre Hand.

Plötzlich wird mit einem lauten Knall die Tür aufgestoßen. Die Pflegerin kommt ins Zimmer. Reißt – ohne Rücksicht darauf, dass ich als familienfremde Besucherin am Bett sitze –  die Bettdecke von der alten Dame (die darunter nicht bekleidet ist!), fährt das Kopfteil des Bettes runter und zerrt die arme Frau an den Schulter so weit an das obere Bettende, bis diese fast mit dem Kopf oben anstößt. Dann macht sie sich an der alten Dame zu schaffen….

Ich habe mich sofort mit dem Aufdecken   beinahe fluchtartig in die äußerste Ecke  des kleinen Zimmers verzogen –  irgendwie unfähig, etwas gegen dieses Tun zu unternehmen.   Die Pflegerin hat  kein Wort an mich gerichtet und mich auch nicht gebeten, vorübergehend den Raum zu verlassen (so habe ich es im Hospiz in Bad Münder erlebt und so bin ich es auch gewohnt von der Pflegeeinrichtung, in der meine Eltern bis zu ihrem Tod lebten!) Die alte Dame ist immer noch nicht vollständig wach.  Es sieht so aus, als wolle die Pflegerin ihr das Essen anreichen  eintrichtern. Das kann ich nicht auch noch ertragen, nehme meine Sachen und verabschiede mich von der alten Dame und auch von der Pflegerin. Die wünscht mir „Frohe Pfingsten“….

Ich wollte keinen Aufstand machen, denn das wäre es geworden, wenn ich auch nur ein kleines Wort gesagt hätte, so entsetzt war ich und gleichzeitig so wütend.

Natürlich weiß ich, dass die Pflegekräfte über das Maß ihrer körperlichen und psychischen Belastbarkeit hinaus gefordert und damit auch ausgebeutet werden, zumal an einem Sonntag, wenn ohnehin nicht alle eigentlich  nötigen Kräfte im Dienst sind. Ich weiß auch, dass es nicht böser Wille ist, der die Pflegerin derart rabiat zu Werke gehen lässt. Mir schien sie wie in einem Tunnel zu sein, nur auf die anstehende „Arbeit“ konzentriert und eben nicht auf den „Menschen“, der da vor ihr hilflos im Bett lag.

Und dennoch:

So geht es nicht!  Das geht gar nicht! So möchte ich nicht behandelt werden. So möchte ich nicht enden!

Ich will und werde die Pflegerin trotzdem nicht anschwärzen, denn auch sie ist ein „hilfloser Mensch“. Hilflos einem System ausgeliefert, das wir „Pflege“ nennen, das diesen Namen aber nicht verdient hat. Ich werde  Kontakt aufnehmen zu einer Vertrauensperson, die die geschilderte Situation als „generelles Problem“ ansprechen kann, um vielleicht doch wenig Änderung zu erreichen.  Denn dieser würdelose Umgang mit pflegebedürftigen Alten ist ein  generelles Problem. Das wurde mir während der mehr als zwei Jahre  bewusst, in denen ich meine Eltern mehrmals wöchentlich in der Pflegeeinrichtung besucht hatte. Und auch in diesem Heim, in dem ich  die alte Dame zweimal wöchentlich besuche , hatte ich schon einmal erlebt, dass eine Pflegerin ohne anzuklopfen mit Schwung ins Zimmer kam und dann ganz entsetzt war, als sie mich am Bett vorfand. „Normalerweise klopfe ich immer an!“ sagte sie mir. Ich würde ihr gerne glauben…. aber, aber, aber!

„HERR, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ heißt es in einem Text der Bibel (Psalm 90,12)

Selbst wenn man nicht fromm ist und keinerlei Gedanken  an die Ewigkeit oder die Auferstehung verschwenden will  und deshalb „klug werden möchte“, so sollte das Diesseits doch Anlass genug sein, über den Satz gründlich nachzudenken.

Wir alle müssen sterben. Die meisten von uns möchten aber auch alt werden. Und ganz sicher möchte  niemand als hilfloser Kranker oder hilfloser Alter unter würdelosen Umständen vegetieren und erbärmlich sterben.

So will ich diesen Satz ergänzen: Hilf uns HERR, barmherzig zu werden mit den Alten, Schwachen und Kranken und für sie gut zu sorgen, wie es der Würde ihres Menschseins entspricht.

Und etwas drastischer als Appell an uns alle formuliert:

Setzen wir uns massiv dafür ein, dass die hilfsbedürftigen Menschen unter uns anständig versorgt werden.

ANSTÄNDIG !    –   Als Menschen und nicht als Sachen, die man irgendwie noch halbwegs in Ordnung hält! (Manch Oldtimer wird liebevoller versorgt und umhegt als der alte Opa, dem der Oldtimer mal gehört haben mag….)

Es kostet uns was…. finanziell und ideell.

Was sind „wir“ uns wert wenn wir mal sterben?

Alle Hospize sind auf Spenden angewiesen:

Hospiz Bad Münder

Am Ziel… 2. Juni, 2014

Posted by Rika in christsein und glaube, meditatives.
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Als mich im Januar des vergangenen Jahres meine ehemalige*** Kollegin und gute Freundin anrief und ganz unverblümt und „ohne Gewese“ zu mir sagte: „Rika, ich habe Krebs!“,  war es ein fürchterlicher Schock. Uns beiden war ziemlich schnell klar, dass die Zeit, die ihr noch blieb, nicht nach Jahren zu berechnen sein würde. Es folgten die üblichen Prozeduren, Chemo, Bluttransfusionen, Operation, Bestrahlung und wieder Chemo. Wir waren in einem sehr engen Austausch über Leben, Tod und Hoffnung  –  nicht die Hoffnung auf Heilung, die war von vornherein nahezu ausgeschlossen, weil bereits sehr viele Metastasen den Körper geradezu geflutet hatten.

Nein, die Hoffnung auf das Leben nach dem Tod, auf die Ewigkeit in Gottes Herrlichkeit war unser Thema – bis zuletzt. Sie fürchtete sich nicht vor dem Ende ihrer irdischen Existenz, denn, so formulierte sie es immer wieder, „ich weiß doch, wohin ich gehe.“ Sie war traurig darüber, ihrem Mann, ihrer Mutter, der Familie und Freunden die Trauer über ihren frühen Tod  nicht ersparen zu können.

Im Spätsommer besuchte ich sie in ihrer Reha. Eine strahlende X begrüßte mich, wir unternahmen eine lange Autotour im nordhessischen Bergland – für eine Wanderung reichten ihre Kräfte nicht. Im Herbst nahm sie mit reduzierter Stundenzahl ihre Arbeit an ihrer geliebten Schule wieder auf. X war eine begnadete Lehrerin, eine, die mit Lust und Leidenschaft ihren Beruf ausübte, die die Kinder und Jugendlichen liebte, eine, die ihnen mit aufmerksamer Achtsamkeit, Liebe und Konsequenz begegnete. Eine sachkundige und freundliche Kollegin, engagiert  und zuverlässig.

Sie war glücklich!

An ihrem Geburtstag gegen Ende des Herbstes überraschte ich sie in der Schule – ich hatte ein kleines Geschenk für sie und wollte sie auf einen Kaffee in unserem früheren „Lieblingsrestaurant“ einladen. Ich traf eine tieftraurige und weinende Freundin an. Es war der Tag, an dem sie ihrem Schulleiter mitteilen musste, dass sie wieder vor einem langen Krankenhausaufenthalt stand und wohl nie wieder in die Schule zurückkehren würde. Wir redeten lange miteinander – und nach dem Gespräch mit dem Schulleiter tranken wir auch unseren Kaffee …. Es war fast wie in alten Zeiten, wir klönten über dies und das, lachten miteinander, und waren uns doch der Situation ganz und gar bewusst.

Sie machte sich Sorgen, ob nach der Bestrahlung des Kopfes ihr Wesen unverändert sein und auch ihr Glaube und ihre Einstellung nicht verändert sein würde. ich versprach ihr, sie an alles zu erinnern, das ihr wichtig war, sollte sie es vergessen oder nicht mehr präsent haben.

Die Intervalle zwischen meinen Besuchen bei ihr wurden Anfang dieses Jahres kürzer. Wir saßen in ihrem Esszimmer an dem schönen großen Tisch und redeten über dies und das, die Modalitäten ihrer Beerdigung zum Beispiel und dass sie zum Sterben in ein Hospiz gehen wollte und der Mai oder Juni doch eigentlich schöne Monate dafür seien.   Und nach wie vor redeten wir über die Hoffnung, von der sie getragen wurde.  Sie las viel im Neuen Testament, lernte  „ihren Paulus“ ganz neu kennen, entdeckte den „Kollegen“, den Lehrer in seinen Briefen. Das Johannesevangelium wurde ihr immer wichtiger, ebenso der 23. Psalm, in ihm fand sie so etwas wie den persönlichen Leitgedanken ihres Lebens, den sie Vers für Vers durchdrang. Bei meinem letzten Besuch in ihrem Haus meinte ich zu ihr, jetzt sei sie beim letzten Vers angekommen. „Nein, Rika!“ protestierte sie. „Ich lebe doch noch hier auf der Erde!“

Dem musste ich zustimmen.

Vor zwei Wochen rief sie mich an, sie war ins Hospiz gekommen (damit hatte ich ’noch‘ nicht gerechnet)  und bat mich zu ihr zu kommen. Ich fuhr sofort zu ihr. Sie war noch immer so voller Freude, trotz der schweren Krankheit. Von da an besuchte ich sie täglich für einige Stunden. Ich las ihr vor, betete für sie, wir hörten an den ersten Tagen noch gemeinsam Musik. Sie wurde immer schwächer, hatte Mühe, sich noch auf ein Gespräch zu konzentrieren. So saß ich nur an ihrem Bett, hielt ihre Hand oder streichelte sie leise, betete still für sie.

Zu Beginn der vergangenen Woche ist sie gestorben, friedlich.

„Und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar!“

Ich danke für ihr Leben, ihre Freundschaft, ihre Hilfe ihr Sein.

 

………………………………………………

*** „ehemalig“ deshalb, weil ich seit 4 Jahren im Ruhestand bin.

Mit großer Dankbarkeit und Achtung vor der Arbeit, die sie tun, denke ich an die Mitarbeiter des Hospiz.

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