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Der Meinige meckert… 1. März, 2018

Posted by Rika in aktuell.
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… mit mir nämlich!

Er ist so ganz und gar nicht einverstanden mit meinem Beitrag über das Diesel-Urteil und findet, dass ich viel zu überzogen und vor allen Dingen völlig realitätsfern argumentiert habe…. Der Liebste ging sogar so weit, mir mangelndes Umweltbewusstsein vorzuwerfen, ja, schlimmer noch, gegen Umweltschutz zu sein…. (was ich natürlich weit von mir gewiesen habe!!)

Wir haben heftig diskutiert über Umweltschutz, Globalisierung, Kapitalismus, „Dritte Welt“….  Faktoren, die bei näherer Betrachtung auch eine Rolle spielen und die in dem Maxeiner-Ansatz,  den ich kommentierend weiter gereicht habe,  nicht ausdrücklich ins Spiel gebracht werden.

Ich habe ganz und gar nichts gegen Umweltschutz, im Gegenteil! Wenn ich mir meine Heimatstadt am Rande des Ruhrgebiets anschaue wie sie heute ist und wie ich sie noch in meinen Kindertagen erlebt habe, so ist das ein himmelweiter Unterschied. Die Bäche sind sauber, in der Lenne schwimmen Fische, an ihrem Ufer leben und brüten allerlei Wasservögel, man könnte sogar in ihr gefahrlos für das gesundheitliche Wohlbefinden wieder schwimmen. Das wäre in meiner Kindheit undenkbar gewesen und – so wage ich zu behaupten – es wäre auch niemand auf die Idee gekommen, in der Dreckbrühe zu plantschen. Natürlich ist das ein Erfolg des Umweltschutzes! Das mit Giften kontaminierte Abwasser aus den Fabriken durfte nicht mehr ungeklärt in die Bäche und Flüsse abgeleitet werden, Filter in den Abluftanlagen sorgen für sehr viel bessere Luftverhältnisse, der Lärmschutz ist deutlich optimiert worden. Strenge Auflagen wurden und werden den Firmen gemacht. Richtig so – für die Umwelt.

Die Nachteile sind aber auch spürbar für die Menschen im Industriegürtel an der Ruhr. Die Produktion ist teurer geworden, steigende Lohnkosten drehen weiter an der Kostenspirale – aber wer wollte den Arbeitern einen guten Lohn vorenthalten?  Etwas verkürzt und platt gesagt: Eigentlich niemand, aber was den Konzernen zu teuer ist, wird ausgesourct und wegrationalisiert. Zwar ist der Himmel über der Ruhr heute blau (ein ehedem beliebtes Schlagwort), aber die Arbeitslosigkeit ist hoch. Nahezu alle Zechen wurden still gelegt, Koksereien und Hochöfen wurden zu Museen und Erlebnisstätten oder verrotten.  Deutschland importiert billige Kohle aus Übersee – und ich möchte wirklich nicht wissen, wer sich da um Umweltschutz kümmert.   Kumpel und  Stahlkocher  mussten einen horrenden Verlust an Arbeitsplätzen hinnehmen … Zitat: „Insgesamt sind allein in den vergangenen 40 Jahren bei Kohle und Stahl fast 400.000 Stellen weggefallen. Und zwar ohne Massenentlassungen. Das ist eine soziale Leistung. Aber keine Perspektive.“ Quelle 

Dafür kann man auch in der Ruhr baden oder Fische angeln und die Wäsche kann auch wieder draußen trocknen….

Ich meine das überhaupt nicht sarkastisch. Ich weise nur darauf hin, dass die Problematik des Umweltschutzes ebenso ausgelagert wird aus Deutschland wie die Produktion vieler Bereiche, die einst diesem Land zu Wohlstand verhalf.  Bestes Beispiel ist neben der Schwerindustrie dafür die Textilindustrie. Wie viele Spinnereien, Webereien, Druckereien und Nähereien gibt es noch in Deutschland? Warum steht Kik in der Kritik? Weil Menschen in der sogenannten Dritten Welt unter den erbärmlichsten Arbeitsbedingungen schuften müssen, damit wir billige Wegwerfkleidung kaufen können. Und Umweltschutz in Bangladesch? Pustekuchen!

Ich weiß, dass ich gerade zu einem Rundumschlag anhebe, noch dazu schlecht dokumentiert durch entsprechende Links. Aber ich muss mir mal eben meinen Ärger von der Seele schreiben.

Natürlich können wir stolz sein auf die Erfolge des  Umweltschutzes in Deutschland.

ABER WER BEZAHLT DEN PREIS ???

Das geht doch in der Diskussion immer wieder unter. Glaubt denn irgendjemand von den deutschen Umweltschützern, dass in Asien oder Afrika oder Südamerika die Arbeitsbedingungen auch nur annähernd dem entsprechen, was bei uns eingefordert wird?

Wir können doch nicht stolz darauf sein, dass wir durch Umweltschutzmaßnahmen im eigenen Land das Problem in andere Länder verlagern….

Das habe ich dem Meinigen auch gesagt….

Der verwies auf die „Globalisierung“…. wenn ich das schon höre…. es stimmt ja, aber es regt mich auch auf.

Sehr.

NACHKLAPP

Die Entwicklung des Individualverkehrs soll nach dem Willen vieler Grüner und Umweltschützer rückläufig sein, weniger Autos die Städte und Straßen verstopfen. Das ist vermutlich sogar vernünftig. Was aber wird aus den Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie und denen der vielen Zulieferer. Umsatteln? Auf welches „Pferd“ werden sie gesetzt? Die Digitalisierung – viel beschworene Zukunftsmusik – wird doch mit Sicherheit nicht die Menge an Arbeitsplätzen bereit stellen können. „Arbeitszeitverkürzung“ könnte die Zauberformel sein, hört man,  weniger Wochenarbeitsstunden – bei gleichzeitiger Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Welche Perspektiven hat dieses Land?  Von Fachkräftemangel ist die Rede – und gleichzeitig werden Tausende  ungelernte Leute ins Land geholt, die diesen Mangel nicht ausgleichen können, dafür aber die Sozialsysteme belasten, weil sie gar keine Chance auf einen halbwegs guten und sicheren Arbeitsplatz haben….

 

Siehe auch die Fortsetzung der Reihe „Deutschland steigt aus“ bei achgut. Sie passt gut zu diesem Beitrag:    „Weg mit der Kohle

 

 

 

 

 

 

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Weniger ist nicht „Mehr“….. 3. August, 2017

Posted by Rika in gesellschaft, politik.
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Vielleicht, so denke ich gerade, liegt es daran, dass ich als kleines Mädchen so oft aus dem Schlafzimmerfenster meiner Großeltern geschaut habe.

In den ersten Jahren meines Lebens wohnte ich gemeinsam mit meinen Eltern in der „großen“ Wohnung meiner Großeltern… Groß erschien mir diese Wohnung wohl deshalb, weil so viele Leute darin lebten. Omma und Oppa, meine Tante Lisa, Mutti,  Vati und eben auch ich. Die einzige Wasserstelle (kalt, natürlich!) war in der einzigen Küche, die Toilette unten  im Hof neben der Waschküche, „wir“ bewohnten 2 der Zimmer, die Tante schlief im Wohnzimmer, die Großeltern in dem besagten Schlafzimmer, an dessen Fenster ich so oft auf einem Stuhl stehend das Treiben in der Fabrik beobachten konnte, die in direkter Nachbarschaft stand. (Das Haus war für die Arbeiter dieser Fabrik gebaut worden…) Im Sommer stand das riesige Tor sperrangelweit offen und ich konnte die Arbeiter im Walzwerk sehen, mit ihren Lederschürzen und mit bis zu den Knien mit Sackleinen umwickelten Beinen, die Füße in Holzschuhen…

Das Dröhnen der Maschinen war ein Teil der „Musik“ meiner Kindheit …. Tag und Nacht.

Als ich ein bisschen größer war  spielte ich mit anderen Kindern Verstecken  zwischen den großen Draht- und Bandeisenrollen, die,  zum Abtransport bereit,   auf einem großen Platz abgestellt waren. Wir hatten jetzt eine eigene Wohnung oben am Berg, aber ich war immer noch sehr oft unten im Tal bei Omma und Oppa…

Meine Omma kochte auch im Sommer auf einem Kohleherd, so einem schönen großen, mit einer umlaufenden Stange und einem riesigen Kohlenkasten auf Rollen, damit man ihn unter dem Herd hervorziehen konnte. Viel später erst nutze meine Großmutter einen kleinen zweiflammigen Gaskocher. Im Sommer blieb dann die Küche im wahrsten Sinne des Worte kalt….

Im Frühling, Sommer und Herbst machte meine Mischpoke ausgedehnte Sonntagsspaziergänge in den umgebenden Wäldern, die Luft dort roch nach Buchen, Fichten und Tannen, Moosen und Wildblumen.  Im Winter aber roch es im ganzen Tal nach Brikett- und Steinkohlenrauch und mit der Asche aus unzähligen Kohleöfen wurden bei Schnee und Eisglätte die nicht asphaltierten Straßen und die Bürgersteige  „rutschfest“ gemacht. Der Bach in der Nähe der großelterlichen Wohnung war meistens von den Abwassern  der vielen kleinen Fabriken, die sich talaufwärts zogen, zu einer braunen Brühe geworden und floss dann in die ebenfalls braun und dreckig fließende Lenne, die von den vielen Fabriken in den Städten an ihrem Oberlauf schon einen gehörigen Ballast an giftigen Abwässern mit sich führte.  Der Himmel über der Ruhr, in die die Lenne mündete, war grau….

Die Menschen hatten Arbeit…

Meine Kindheit war schön.

Und mit dem, was wir heute „Wirtschaftswunder“ nennen, wuchs auch langsam der Wohlstand vieler Menschen und des Landes. Das Bildungs- und Gesundheitswesen profitierte davon, die Infrastruktur in den Städten und sogar auf dem Land verbesserte sich deutlich, das Konsumverhalten der Bürger kurbelte die Wirtschaft immer weiter an…. Das Renten- und Sozialsystem sicherte auch denen einen Mindeststandard, die aus welchen Gründen auch immer nicht am Arbeitsleben beteiligt waren.  (Ich weiß, dass das eine sehr verkürzte Sicht ist, wie mir der Liebste ein wenig vorwurfsvoll vorhält, und er hat ja Recht damit, aber mein Augenmerk gilt an dieser Stelle  nicht der Kapitalismuskritik… )

Heute ist die Nahmer sauber, um nicht zu sagen „rein“. An ihrem Bachlauf liegen keine Fabriken mehr, die Walzwerke und Drahtziehereien  im Nahmerbachtal sind verschwunden, die wenigen Fabriken, die es in meiner Heimatstadt noch gibt, unterliegen strengen Umweltschutzauflagen … und das ist auch gut so! In der Lenne leben wieder Fische…  Enten und andere Wasservögel an ihrem Ufer ….  für Kanuten ist eine Trainingsstrecke angelegt….  an der Uferpromenade  flanieren  Leute und lassen es sich gut gehen…

Der Himmel über der Ruhr ist blau…

Doch die Arbeitslosigkeit ist hoch an Lenne und Ruhr.

Warum ich das gerade heute mit diesem romantisch-verklärenden Blick auf „Gestern“ schreibe?

In der Zeitung stand ein Bericht über Umweltschutz und  in einem kurzen Nebensatz las ich die Forderung nach „weniger Verkehr und weniger Industrie„…. und ich spürte, wie sich in mir der Widerstand gegen diese einfache Formel regte.

Vor gut 130 Jahren machte sich  einer  meiner Urgroßväter aus seinem Dorf im Hochsauerland in jedem Sommer auf in die Stadt an der Lenne, um dort für sich und seine Familie  den Lebensunterhalt  als ungelernter Maurer zu verdienen, beim Bau der großen Fabriken im Lennetal… bevor er zu Beginn des letzten Jahrhunderts ganz in die Stadt, die ihm Arbeit und Wohnung bot, umsiedelte.  Die Landwirtschaft allein und die Arbeit im Wald als Holzarbeiter reichten nicht aus, seine Frau und die Kinder zu ernähren…   seine Tochter, meine Großmutter, hatte nur wenige Jahre an  der Dorfschule lernen dürfen, bevor sie  als „Hausmädchen in Stellung“ ging… meine Mutter konnte nicht zur höheren Schule gehen, weil die Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten… Erst die Urenkelgeneration  des Bauern aus dem Hochsauerland kam in den „Genuss“ kostenloser „höherer“ Bildung (wobei der Genuss nicht bei allen Urenkeln als solcher auch begriffen wurde 😉 ) und  konnte sogar studieren.

Daran muss ich denken, wenn es um „weniger Industrie“ gehen sollte.  Wir in Deutschland verdanken „der Industrie“ den allgemeinen Wohlstand heutiger Tage, damit meine ich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in unserem Staat: ein funktionierendes Gesundheitswesen,  Bildung, die allen offen steht, soziale Sicherheit im Notfall, Versorgung der Alten und Gebrechlichen, eine gut entwickelte Infrastruktur, Arbeitsplätze   … und nicht zuletzt gesellschaftlichen Frieden, auch wenn nicht alles optimal geregelt ist und an vielen Stellen deutlich  nachgebessert werden müsste.

Mit  „weniger Industrie“  wird es aber ein „Mehr“ an allgemeinem Wohlstand und den notwendigen Verbesserungen nicht geben können.

Ich will nichts schön reden, die Schattenseiten der Industrialisierung, die frühere schreckliche Armut der Arbeiter in den Städten nicht verschweigen, auch nicht den Machtzuwachs „des Kapitals“, den Reichtum der Industriebarone ebenso wenig , wie die unerhört und absurd hohen Gehälter der Bosse heutzutage …   die immer weiter klaffende  Schere zwischen Arm und Reich, das Bankenwesen, all das gehört mit zu den Folgen  „der Industrie“, wie wir sie kennen. Und doch ist diese Gemengelage die Basis für den Mythos  – oder die Realität – des „reichen Deutschland“, dieses Deutschlands, das auf so viele Menschen so anziehend wirkt, dass sie ihr Leben riskieren, um aus Armut und Not hierher zu gelangen.

 

Es wird wohl immer unsere Aufgabe bleiben, Arbeit und Freizeit, Industrie und Umwelt, Mensch und Natur   in einer guten Balance zu halten oder  in Balance zu bringen und ebenso die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (sozialer Staat vs Turbokapitalismus).  Das ist die Gegebenheit, der wir uns stellen müssen. Mit  provokativen Formeln  ist das jedoch nicht zu erreichen.

Weniger ist eben nicht in jedem Fall „Mehr“, auch wenn die schöne Floskel uns das vorgaukeln mag.

 

Der Kaltwalzer….

Kaltwalzer-Denkmal im Hagener Stadtteil Hohenlimburg, Stennertbrücke / Urheber ist Klaus Bärwinkel  gefunden und kopiert aus: https://de.wikipedia.org/