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Man muss doch kein Fußballfan sein … 12. November, 2009

Posted by Rika in Allgemein.
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… es reicht doch schon das bloße Menschsein, um an der Tragödie eines anderen Menschen mitfühlend  Anteil nehmen zu können.

Ja, vielleicht wird ein bisschen viel berichtet über den Tod Robert Enkes, über das Entsetzen, das viele verspüren, über die Anteilnahme und die Trauer der Fans, der Freunde und Kollegen,  das natürlich medial aufbereitet wird …

Aber muss man deshalb gleich von „Enke-Oper“ reden, wie es Michael Miersch bei achgut tut und es „widerlich“ finden, dass ein Mensch sich vor einen Zug wirft, um sich um zu bringen  –   wobei er die Tatsache der schweren Erkrankung gar nicht erst als mögliche Erklärung für das Unbegreifliche zulässt? Niemand oder fast niemand habe an den Lokführer gedacht, bemängelt er. Dabei war  schon in den ersten Berichten zu lesen, dass Notfallseelsorger sich um die Lokführer und die Retter am Unfallort kümmern und alle Beteiligten psychologisch betreut werden. In der Andacht gedachte die hannoversche Bischöfin ausdrücklich dieser Männer und mahnte die Anwesenden – die Jugendlichen  vor allem -, dass es ganz sicher  nicht in Enkes Sinne sei, in ausweglos erscheinenden Situationen seinem Beispiel zu folgen, dass es die schwere Krankheit gewesen sei, die ihm, Robert Enke, keinen anderen Weg mehr offen zu lassen schien.

Ich will mich hier nicht an den vielen Spekulationen beteiligen, die über das hätte, wie, warum angestellt werden, nicht nach den Abgründen und Motiven fragen, die einen Menschen zum Suizid bringen. Ich weiß nicht, wie es wirklich ist, an einer schweren Depression erkrankt zu sein, aber ich bewundere den

grenzgaenger,

der über seine Depression in seinem Blog schreibt und so mit dazu beiträgt, dass das Tabu, das mit dieser Krankheit verbunden ist, endlich etwas mehr aufgeweicht wird, dass Menschen offen über die Krankheit und darüber, was die mit ihnen anstellt, reden können.  Seine Einlassung zu Robert Enkes Tod ist lesenswert!

Michael Miersch verweist in seinem kurzen Statement auf  Richard Herzinger, der in einem Kommentar bei weltonline-sport darüber nachdenkt, ob mit der Anteilnahme und medialen Aufbereitung nicht die Würde des Opfers, das nach Herzinger gleichzeitig auch Täter ist, in ungebührender Weise verletzt sei.  (Über Journalisten, die sich wie ein tollwütiges Rudel Wölfe über ihre „Opfer“ hermachen, habe ich schon an anderer Stelle geschrieben, das muss ich hier nicht wiederholen!)

Es sind  Journalisten, die nach den Bundesligaspielen „Noten“ verteilen, die Spieler in Grund und Boden verdammen und andere in den Olymp des Sporthimmels heben. Es ind Journalisten, die mit Häme und Spott über das Versagen der Spitzensportler berichten und so dazu beitragen, dass der öffentliche Druck, der auf den Spitzenleuten lastet, immer größer und größer wird. Es ist die Macht des Mediums und der es bedienenden Journalisten, die Menschen zu Stars oder Verlierern macht. Das gilt im übrigen nicht nur für den Sport, das ist doch in Kunst, Theater, Film und Politik ganz genauso!

Schlimm ist, das unsere Gesellschaft sich längst daran gewöhnt hat, ihre Umgebung nur noch durch die Brille des Fernsehens oder der Zeitung wahrzunehmen und es gar nicht seltsam, sondern vielmehr selbstverständlich  findet, wenn der Uraltkomiker einer Spaß- und Spielschau die Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls „moderiert“ und dabei die eingeladenen Staatsgäste nicht einmal mehr als Statisten, sondern lediglich nur noch als Kulisse für die eigene großartige Wirkung missbraucht!

Jemand hat bemäkelt – ich habe jetzt keine Lust nach dem Schreiber zu suchen – dass Enkes Tod mehr Aufmerksamkeit in den Nachrichten bekommen habe, als die Kanzlerin mit ihrer Regierungserklärung, samt allen ihren politischen  „Freunden“ und Gegnern! Ist das denn ein Wunder?

Spielt uns doch „die Politik“ auf allen Ebenen ein Schmierentheater vor, wie es dümmlicher nicht sein könnte. Wilde und vollkommen haltlose Versprechungen im Wahlkampf, ambitionierte Pläne für nahezu alle gesellschaftlich relevante Bereiche und dann die wirklich sagenhaft wichtige Ansage am Schluss der Koalitionsverhandlungen zwischen den „Wunschpartnern“, dass Guido und Horst nun Guido und Horst zueinander sagen. Das hätte man doch billiger haben können, dafür hätte es keines teuren Wahlkampfs bedurft!  Minister wechseln die Stühle und führen der staunenden  oder gleichgültigen Öffentlichkeit vor Augen, dass sie auf allen Politikfeldern gleichermaßen kompetent und hervorragend geeignet sind, die ihnen (von wem?) gestellten Aufgaben zu erfüllen. Alles nur Theater und alles nur „fürs Fernsehen“, zur Ruhigstellung des dummen Volkes, das nicht einmal mehr meint, der Souverän zu sein, geschweige denn ist. Lobbyisten, Interessenvertreter der Wirtschaft und ihrer Verbände bestimmen darüber, was geht und was nicht.

Verstehen, im Sinne von nachvollziehen und erkennen, können das doch nur noch die wenigsten der Staatsbürger.

Aber einen wie Enke verstehen die Leute. Sie sehen, wie er rackert und arbeitet, sich in den Dreck wirft und seine Vorderleute antreibt, wie er sich müht, im Training wie im Spiel – das für ihn mehr ist als Spiel, Lebenselexier sei es gewesen, sagen die, die ihn kannten.  Einer wie Enke ist ein Mensch, ein Mensch wie ich, wie du. Das unterscheidet ihn von den Guidos und Horsts, von machtgeilen Parteibonzen und  Ränke schmiedenden Politstars.

Deshalb weinen die Menschen über seinen Tod und begreifen sogar manche der  ansonsten nur an Quoten interessierten Journalisten, dass es etwas gibt, was uns in unseren tiefsten Empfindungen berührt und was wir mehr brauchen als die geifernde Information über Prominente oder hektische Berichterstattungen über vermeintlich oder tatsächlich wesentliche Ereignisse.

Die 35000 Hannoveraner, die gestern Abend still von der Innenstadt zum Stadion zogen, um Robert Enke zu ehren, die haben das jedenfalls verstanden.

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Kommentare»

1. Chriz - 12. November, 2009

Ich denke man sollte es akzeptieren. Es war wohl seine Entscheidung, auch wenn es traurig ist. RIP!

2. Man muss doch kein Fußballfan sein … « himmel und erde | Manfreds politische Korrektheiten - 12. November, 2009

[…] “Jemand hat bemäkelt … dass Enkes Tod mehr Aufmerksamkeit in den Nachrichten bekomm… […]

3. yael1 - 15. November, 2009

Warum Robert Enkes Tod kein Selbstmord war

Unser Gastkommentator Dr. Manfred Lütz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er erklärt, dass Robert Enke an einer schweren phasenhaften Depression litt, und an dieser Erkrankung ist er durch Suizid gestorben. Deshalb ist die Bezeichnung „Freitod“ für sein Lebensende falsch, „Selbstmord“ noch viel mehr.

http://www.welt.de/sport/fussball/article5220972/Warum-Robert-Enkes-Tod-kein-Selbstmord-war.html

Rika, die meisten Menschen reden nicht davon, weil psychische Erkrankungen immer noch ein Tabu hier ist. Da sind andere Länder, wie so oft, viel weiter. In Dtl. hat man zu funktionieren.

4. yael1 - 15. November, 2009

Miersch und Hertzingen beweisen mit ihren Kommentaren, dass sie keine Ahnung haben und damit auch noch hausieren gehen. Sich Informationen einholen scheint im dt. Journalismus heutezutage etwas völlig fremdes zu sein.

Refuah Schlemah!


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