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Advent, Advent, mein Lichtlein brennt… 23. November, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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Vielleicht – so denke ich – sollten sich die Leute, die heuer für begrenzte Beleuchtung in der Weihnachtszeit werben, doch mal mit der Geschichte des hierzulande so beliebten Brauchs, in der Adventszeit einen Adventskranz aufzuhängen oder aufzustellen, beschäftigen.

Die Idee für dieses Tun, hatte der „Hausvater“ einer Einrichtung für „armer Leute Söhne und Töchter“, die in einer der frühen Sozialeinrichtungen der Stadt Hamburg betreut wurden, damit sie von der Straße kamen.

„Anfang des 19. Jahrhunderts leben im Stadtstaat
Hamburg (der heutigen Innenstadt) 100.000 Men-
schen, 60 Prozent davon in Armut. In den Elends-
stadtteilen sind soziale und hygienische Verhält-
nisse katastrophal. Besonders betroffen sind die
Kinder: Verwahrlosung, Kriminalität und Prostituti-
on sind für sie alltäglich. Nur die wenigsten haben
das Nötige zum Leben. Viele sind körperlich unter-
entwickelt und krank.
Das erlebt auch der junge Theologe Johann Hin-
rich Wichern, als er 1832 vom Studium in Göttingen
und Berlin nach Hamburg zurückkehrt.“

So beginnt die Erzählung über die Geschichte des Rauhen Hauses in Hamburg, nachlesen kann man sie unter dieser Adresse: „Rettungsdorf

Und was hat das mit dem Adventkranz zu tun?

Die Kinder und jungen Menschen, die im Rauhen Haus ein Zuhause gefunden hatten, erfuhren nicht nur Geborgenheit und eine Versorgung mit den ganz alltäglichen Dingen des Lebens, sie wurden ebenso, wie könnte man es von einem Theologen auch anders erwarten, mit der christlichen Lehre vertraut gemacht, zu der damals wie heute die Traditionen der christlichen Feste gehören. Wenn der Herbst aufzieht und mit Dunkelheit und Kälte den Winter ankündigt, steht bald eines der bekanntesten Feste vor der Tür, Weihnachten. Und auch wenn vor 200 Jahren die Geschenke noch lange nicht so üppig waren, wie wir es heute kennen, so dürften sich die Kinder des Rauhen Hauses doch auf ein kleines Geschenk zu Weihnachten gefreut haben und sahen daher dem Fest voller Ungeduld entgegen.

Wer kennt sie nicht, die Frage aller Fragen ungeduldiger Kinder: WIE LANGE NOCH?

Der barmherzige Pastor kam darum auf die Idee, für die Kinder ein sichtbares Zeichen der Wartezeit zu schaffen. Die Geschichte erzählt, dass er ein großes Wagenrad im Betsaal des Rauhen Hauses aufhing und es mit so vielen Kerzen bestückte, wie die Wochen vom 1. Advent bis zum 1. Weihnachtstag Tage haben, große weiße Kerzen für die Sonntage, kleinere rote Kerzen für die Wochentage. Die Anzahl der roten Kerzen war von Jahr zu Jahr unterschiedlich, die der weißen immer gleich. Bei der täglichen abendlichen Andacht brannte die entsprechende Anzahl der Kerzen – und so wurde es von Abend zu Abend heller und festlicher im Betsaal und die Kinder konnten sehen, wie lange es noch dauern würde bis zum Fest.

Später wurde Tannengrün um den hölzernen Ring gebunden.

Es gab ziemlich bald Nachahmer dieser schönen neuen Advent-Attraktion, die auf diese Weise sehr schnell zur „Tradition“ wurde. Für den privaten häuslichen Gebrauch war aber der Adventskranz des Rauhen Hauses dann doch zu groß. Man reduzierte den Umfang des Kranzes und auch die Anzahl der Kerzen – diese auf vier, entsprechend den 4 Adventssonntagen.

Inzwischen – ich meine die Zeit seit etwa 100 Jahren bis heute – gibt es neben den traditionellen Kränzen auch alle möglichen Gestecke in allen nur denkbaren Farben und Formen, der Hinweis auf das bevorstehende Christfest ist in vielen Häusern gar nicht mehr der Hauptgrund für ihr Aufstellen. Und auch bei denen, die die Adventszeit mit der Besinnung auf die Menschwerdung Jesu begehen, dienen Adventskranz oder Gesteck, Kerzen, Tannengrün und schmückendes Beiwerk auch dem Gemüt in der selbst heute noch dunklen Jahreszeit.

Und weil künstliches, bzw. elektrisches Licht in finstrer Nacht nicht nur der Beleuchtung des Weges dient, sondern auch ein wenig festlichen Glanz in unsere trüben Tage zaubern soll, bleibt es seit einigen Jahren in der Adventszeit nicht bei den Kerzen auf dem Adventskranz. Lichterketten, Sterne, Engelsgestalten, Weihnachtsmänner, Rehlein, Nikoläuse mit Rentierschlitten, Schneemänner, allesamt großzügig illuminiert beleuchten unsere Dörfer und Städte, dass es eine Art ist. Manche Art ist allerdings einfach zu viel des Guten.

Da trifft es sich doch gut, dass in diesem Jahr die Stromversorgung besonders im Augenmerk des kritischen Betrachters steht. Die Schuld daran tragen zwei höchst unterschiedlich schwerwiegende Drohszenarien, die noch dazu in einander beängstigender Abhängigkeit stehen.

Wir alle wissen, dass in Deutschland bisher der Strom auf zumeist konventionelle Weise durch Kraftwerke erzeugt wird, die entweder von Stein- und Braunkohle oder von Erdgas betrieben werden und darum zum Untergang der Welt in ein paar Jahren führen werden, oder aber von Atomkraftwerken, die, wenn sie nicht sofort zu einem schrecklichen Unglück führen (können), spätestens aber durch ihre Altlasten das Leben auf unserem Planeten gefährden, wenn nämlich die Fässer und Stollen, in denen die Altlasten „sicher“ bewahrt werden, nicht mehr sicher sind und strahlendes Material austritt. Diese Drohung des baldigen oder verzögerten Endes des bewohnbaren Planeten wurde bisher in Sachen weihnachtszeitlicher Illumination der westlichen Hemisphäre als zu vernachlässigendes Risiko eingestuft.

Jetzt aber ist Krieg – und damit erhöht sich die drohende Gefahr für uns alle. Mit Putin macht man keine Geschäfte, schon gar keine, die ihm durch den Verkauf von Erdgas riesige Gewinne bringen, mit der er seinen schmutzigen Krieg gegen die Ukraine (und indirekt auch gegen den solidarischen Westen) finanzieren kann. Kein russisches Gas mehr für die Elektrizitätswerke. Zwar könnte das die Gefahr der Erderwärmung reduzieren, aber ohne sichere Energie keine Sicherheit für Wirtschaft und Haushalte. Also wird Gas sehr teuer von allen möglichen Freunden und Schurkenstaaten bezogen und muss darum sorgfältig eingesetzt werden für die Stromversorgung der wirklich wichtigen Einrichtungen. Das leuchtet ein. Und deshalb sollen die Städte und Dörfer in dieser Adventszeit weniger leuchten.

Ich finde es ja durchaus richtig, um nicht zu sagen, ganz ausgezeichnet, dass ein bisher geradezu überbordendes Lichtermeer sowohl in den öffentlichen, als auch in den privaten Haushalten spürbar eingedeicht wird.

Doch das, was ich heute las, ist dann des Guten (an Einsparung) doch zu viel. Der Weihnachtsbaum vor dem Kanzleramt wird mit weniger LED-Kerzen bestückt als in früheren Jahren und die Leuchtzeit der Funzeln soll auf magere 4 Stunden, von 16.00 bis 20.00 Uhr nämlich begrenzt werden.

Den dezenten Hinweis, den Achgut auf die große Reisegesellschaft, die großzügig mit vielen Fliegern zur Rettung des Planeten nach Sharm El Scheikh aufgebrochen war und dort 3 lange Wochen residiert hatte, gebe ich hier nur stichwortartig wieder. Da spielte weder die Klimaerwärmung durch den Flugverkehr eine Rolle, noch die Sorge um eine generell für möglich gehaltene Energieknappheit. Der Kampf fürs Klima rechtfertigt alle dafür notwendigen Schritte und Flugmeilen.

Allerdings, so stand es auch bei Achgut, wird der Verzicht auf die schöne Beleuchtung des Tannenbaums vorm Kanzleramt das Klima ebenso wenig beeindrucken, wie die Reduktion der Weihnachtsbeleuchtung in Stadt und Land. (Die scheint aber wegen der Kosten einerseits und einem möglichen Black-out andererseits dennoch irgendwie sinnvoll, muss ich der Faktenlage zuliebe doch hinzufügen.)

Was aber hat das mit Johann Hinrich Wichern, dem Rauhen Haus und seinem Adventskranz zu tun?

Es ist meine tiefe Überzeugung, dass Menschen, denen es ohnehin nicht sonderlich gut geht, die in traurig stimmenden Verhältnissen leben oder ihnen mit Mühe entkommen konnten, und auch die, denen es vergleichsweise gut geht, die aber Sorgen haben vor einer aufziehenden Gefahr, Licht brauchen, „Licht am Horizont“, Licht als Hoffnungszeichen. Gerade in trostlosen Zeiten sind Symbole der Hoffnung so wichtig, als ein mutiges „Dennoch“ oder ein trotziges Aufbegehren, ein Spucken gegen den Wind, ein Pfeifen im finsteren Walde oder Licht, das wie ein Leuchtturm den Schiffen in rauer See den Weg weist.

Deshalb hänge ich auch in diesem Jahr eine Lichterkette auf, leuchtet der Herrnhuter-Stern vor unserem Fenster, zünde ich am Sonntag die erste Kerze am Adventskranz an.

Kein frommer Nachklapp – nur der diskrete Hinweis auf das Beispiel vom Licht, das man nicht unter einen Scheffel stellen soll. In einem immer noch christlich geprägten Land ist „Licht im Advent“ auch der Hinweis auf den, der von sich selber sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Und dessen Geburt wir an Weihnachten feiern.

Vertrauen, Glaube, Hoffnung. Stellt das Licht nicht unter den Scheffel.

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